„Ich liebe Dich nicht“: Türkisches Gericht straft Ehemann wegen emotionalem Missbrauch ab

Das Oberste Türkische Berufungsgericht sorgt derzeit mit einem Grundsatzurteil für Schlagzeilen. Die Richter bestraften einen Ehemann dafür, dass er „Ich liebe Dich nicht“ zu seiner Frau sagte. Die Begründung der Justiz: Ein solcher Ausspruch sei ein Akt des emotionalen Missbrauchs.

Das betroffene Ehepaar befand sich zum Zeitpunkt des Richterspruchs mitten in einem Scheidungsverfahren. Beide Parteien hatten vor Gericht Kompensation für gegenseitig an den Kopf geworfene Beleidigungen gefordert. Das türkische Spitzengericht entschied nun tatsächlich, dass der Ehemann seiner Gattin für den „emotionalen Missbrauch“ eine Entschädigung zu zahlen habe.

Die Ehefrau hatte vorgebracht, dass ihr Mann häufig das gemeinsame Zuhause verlassen habe und sich nicht um ihr Wohl gekümmert habe. Zudem behauptete sie, dass sie „emotional zerstört“ gewesen wäre, nachdem ihr Ehemann ihr erklärt habe: „Du hast nicht das Recht, zu sprechen. Ich liebe dich nicht.“ Der Ehemann warf seiner Gattin auf der anderen Seite vor, dass seine Frau ständig auf ihn „geflucht“ habe.

Noch bevor sich das Ehepaar an das Oberste Türkische Berufungsgericht gewandt hatte, trugen sie ihren Fall einem Amtsgericht in der südöstlichen Provinz Sanliurfa vor, berichtet Russia Today. Die Richter dort hätten die Klage allerdings abgewiesen und erklärt, dass beide Parteien gleichermaßen betroffen seien. Schließlich habe die Frau nun die jüngste Instanz angerufen. Diese entschied nun, dass das Fehlverhalten des Mannes mehr als das der Frau wiege und er deshalb auch eine Entschädigung zu zahlen habe.

Das auf den ersten Blick so banal wirkende Urteil ist jedoch in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Die Entscheidung des Gerichts ist Teil der Bemühungen zur Niederschlagung der häuslichen Gewalt im Land. Laut einer vielzitierten Studie aus dem Jahr 2009 des Nationalen Forschungsprojekts zu häuslicher Gewalt gegen Frauen in der Türkei sind insgesamt 42 Prozent der türkischen Frauen Misshandlungen der Partner oder männlicher Verwandter ausgesetzt. Ähnlich brisante Ergebnisse lieferte auch eine kürzlich durchgeführte Befragung, wonach die Mehrheit der türkischen Frauen über 15 Jahren in ihrem Leben bereits sexueller oder körperlicher Gewalt ausgesetzt war (mehr hier). Eine solche Befragung durch die Regierung hat auch ergeben, dass hinter 20 Prozent aller Scheidungen in der Türkei Gewalt gegen Frauen stecke (mehr hier).

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