Mangelhafte Betreuungsangebote: Türkische Anwältin nimmt ihr Baby mit ins Gericht

Eine türkische Anwältin macht derzeit öffentlichkeitswirksam auf das mangelnde Betreuungsangebot für Kleinkinder in der Türkei aufmerksam. Sie nimmt ihr Baby kurzerhand mit in den Gerichtssaal. Sie kritisiert: Frauen seien in der Türkei noch immer gezwungen, diese grausame Wahl zwischen ihren Kindern und Arbeitsplätzen zu treffen.

Die Anwältin Feyza Altun Meriç arbeitet im neuesten Gerichtsgebäude Istanbuls. Neben ihren Akten hat sie jedoch meistens noch ein anderes Anhängsel dabei – ihren acht Monate alten Sohn. Die Botschaft der jungen Juristin: Es braucht mehr Raum für Mütter und ihre Kinder in der Türkei.

„Ich habe keinen Babysitter und ich will auch keinen Babysitter. Zu arbeiten ist mein Grundrecht, ebenso wie es mein Recht von Geburt an ist, in der Nähe meines Babys zu sein. Deshalb bringe ich mein Baby zu Prozessen mit“, zitiert sie die Nachrichtenseite CBC News.

Meriç ist sich bewusst, dass ein Gerichtssaal nicht der geeignete Ort für ein Baby ist. Eine andere Wahl bleibt ihr aber offensichtlich nicht. Das Gerichtsgebäude, in dem sie arbeitet, ist erst zwei Jahre jung. Derzeit gilt es  angeblich sogar als das größte weltweit. Dennoch fehle es hier am Wesentlichsten, so das Blatt weiter.

Auf den ersten Blick scheint das Megagebäude alles zu haben. Der Justizpalast verfügt über Bankfilialen und ein Postamt, Restaurants und ein Teeraum sind ebenfalls vorhanden, ebenso wie eine Bibliothek. All das fände sich in einem einzigen, der insgesamt fünf Häuserblöcke, die insgesamt 5000 Zimmer und fast 300 Gerichtssäle beherbergen. Allerdings offenbar schon ein kurzer Blick in die Waschräume für Damen, wo das Problem liege. Es gibt keine Möglichkeit zum Wickeln oder Stillen, berichtet die Zeitung.

Ergo blieb auch der jungen Mutter vor zwei Monaten, als sie ihren Beruf wieder aufnahm, nichts anderes übrig, als auf die Freundlichkeit der Kollegen zu bauen. „Ich kenne einige Richter. Ich fragte sie, ob ich ihre Räumlichkeiten nutzen könnte und sie ließen mich“, so Meriç. Noch schwieriger sei dieser Mangel an Räumlichkeiten allerdings in Anbetracht des Umstandes zu verdauen, dass nach türkischem Recht alle Arbeitgeber mit mehr als 100 weiblichen Arbeitnehmern dazu verpflichtet seien, eine Tagesbetreuung anzubieten. Durchgesetzt werde das allerdings nicht. „Das Problem ist, dass wir Kodizes haben, aber diese nicht anwenden können.“

Das Gerichtsgebäude selbst habe eine Kindertagesstätte, aber diese sei nur für einige wenige Ausgewählte verfügbar wie eben Richter und Staatsanwälte. Kinder anderer Anwälte seien nicht willkommen. Dieser Mangel am Wesentlichsten mache es nicht nur für sie, sondern für alle arbeitenden Mütter schwer. Die Juristin befürchtet, dass ähnliche Situationen landesweit Frauen davon abhalten könnten, wieder ins Berufsleben einzusteigen oder ihre Karriere weiter voranzutreiben. „Überall auf der Welt sind Frauen gezwungen, diese grausame Wahl zwischen ihren Kindern und ihrer Beschäftigung zu machen“, sagt Meriç. Genau aus diesem Grund mache sie ihren Kampf auch so öffentlich.

Obschon ihr Protest in der Türkei derzeit wohl einmalig ist, ist es ihr Berufsstand ganz und gar nicht. Nach Angaben der Türkischen Anwaltskammer gab es im Jahr 2013 knapp über 32.000 Rechtsanwältinnen und 49.528 männliche Anwälte in der Türkei. Wie die Weltbank mitteilt, sind allerdings nach wie vor nur 24 Prozent der türkischen Frauen Teil der Belegschaft.

Unterdessen zeigten Altun Meriç Bemühungen erste Erfolge. So habe sie zumindest ein Versprechen des Chefanklägers erhalten, dass über eine Kindertagesstätte und andere Einrichtungen nachgedacht werde. Konkrete Pläne gäbe es allerdings noch nicht. In der kommenden Woche will sich die Juristin mit den politischen Parteien in Ankara treffen. „Einige Leute denken, das ist nicht so schwerwiegend. Aber ich denke, Mutter zu sein ist die schwerste Sache der Welt.“

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