Gezi Park-Opfer Berkin Elvan: Familie verlangt eine Million Lira Entschädigung

Genau ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes fordert die Familie des Gezi Park-Opfers Berkin Elvan nun finanzielle Genugtuung vom türkischen Innenministerium. Insgesamt steht die Summe von einer Million Türkische Lira im Raum. Die Familie ist überzeugt, dass der Staat Schuld am Tod des Teenagers hat.

Die Anwälte der Familie Elvan haben dem Ministerium nun ein zwölfseitiges Gesuch übergeben. Darin fordern die Eltern des Getöteten 400.000 Türkische Lira für materielle Schäden sowie 200.000 Türkische Lira für  immaterielle Schäden. Dazu kommen noch einmal 400.000 Türkische Lira, die die beiden Schwestern wegen immaterieller Schäden geltend machen.

In dem Gesuch führen die Hinterbliebenen von Berkin Elvan an, dass der Verlust des Jungen für die Familie eigentlich nicht mit Geld aufzuwiegen sei. Die Entschädigungszahlung diene lediglich dazu, die Verantwortung im Rahmen der türkischen Gesetzgebung aufzuzeigen. Dass das Innenministerium diese Verantwortung übernehme und endlich auch die Namen der Mörder bekannt gebe, sei am Ende viel wichtiger als das Geld.

Nach Ansicht der Familie habe der Staat seine Verpflichtung verletzt nicht zu töten. Obendrein habe er auch noch die Umgebung zerstört, die solche Morde verhindere, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet die Argumentation der Anwälte. Ihnen zufolge sei der Staat für den Tod des Jungen verantwortlich.

In dem Gesuch wird auch noch einmal auf die letzten Tage und Woche des Teenagers eingegangen. Verzweifelt hätten seine Eltern und Schwestern ihm beim Sterben zusehen müssen. Die Propaganda, die später von Staatsmännern verbreitet worden sei, hätte sie zusätzlich verletzt. Während der Junge noch im Krankenhaus lag, habe der damalige Premier Erdoğan ihn als Terroristen bezeichnet.

Die Anwälte werfen dem Innenministerium vor, die Mörder von Berkin zu schützen, da bislang noch keine Verdächtigen vor Gericht gelandet seien. Und obschon das Ministerium die Identität der beteiligten Polizeibeamten kenne, habe man die Namen nicht preisgegeben.

Berkin Elvan lag seit Sommer 2013 im Koma. Er starb am 11. März 2014 nach 269 Tagen im Krankenhaus. Das Leben kostete ihn der schwere Schlag gegen den Kopf durch eine Gaspatrone der Polizei, den er am 16. Juni 2013 erlitt. Damals war er gerade 14 Jahre alt. Mit seinem Tod zwei Monate nach seinem 15. Geburtstag stieg die Zahl der Todesopfer der Gezi Park-Proteste auf insgesamt acht Personen an (mehr hier).

Berkin war damals nicht direkt an den Auseinandersetzungen mit der Polizei beteiligt. Der Junge war in der Istanbuler Nachbarschaft von Okmeydanı lediglich auf dem Weg, ein Brot zu kaufen. Dabei wurde er derart schwer von einer Gaspatrone getroffen, dass er seither im Koma lag. Im Laufe der Zeit wurde der Teenager zu einem regelrechten Symbol für die Polizeigewalt, die während der Proteste im Land herrschten.

Zuletzt hatte sich sein Zustand massiv verschlechtert.Von einst 45 Kilo magerte er auf bedrohliche 16 Kilogramm ab. Am 6. März soll er außerdem einen epileptischen Anfall erlitten haben, einen Tag später einen Herzstillstand. Am 9. März diagnostizierten die Ärzte schließlich eine Lufttasche in seinen Lungen. Hirnfunktionen waren kaum mehr messbar, seine inneren Organe versagten.

Die Mutter des Toten, Gülsüm Elvan, erhob unmittelbar nach dem Tod ihres Sohnes schwere Vorwürfe in Richtung türkischer Regierung. „Es ist nicht Allah, der meinen Sohn genommen hat. Es ist Tayyip Erdoğan.“ Der Premier hatte die Arbeit der Polizei während der Gezi Park-Proteste stets als heldenhaft bezeichnet. Und das trotz der Todesopfer und Schwerverletzten aufgrund des wiederholten brutalen Vorgehens gegen Demonstranten. Im März 2014 wurde bekannt, dass die Justiz den Fall des Teenagers neu aufrollen wolle (mehr hier).

Auch an seinem ersten Todestag gab es Proteste am Taskim Platz in Istanbul. Und abermals schritt die Polizei ein, wie die Zeitung The Daily Star berichtet. Insgesamt sollen hier zehn Personen festgenommen worden sein. Auch in der Hauptstadt Ankara kam es zu Demonstrationen. Hier setzten die Beamten Wasserwerfer ein. Insgesamt wurden elf Personen in Gewahrsam genommen. Darüber hinaus soll eine Demonstration in Izmir aufgelöst worden sein.

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