Grünen-Chef Cem Özdemir: Deutschland muss Völkermord an den Armeniern anerkennen

Die Gräueltaten gegen Armenier im Osmanischen Reich vor 100 Jahren vergiften das Verhältnis zwischen der Türkei und Armenien. Deutschland solle das Massaker als Völkermord anerkennen - und zwischen beiden Ländern vermitteln, fordert Grünen-Chef Özdemir.

Der türkischstämmige Grünen-Chef Cem Özdemir hat die Bundesregierung aufgefordert, das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren als Völkermord anzuerkennen. «Im 100. Jahr des Völkermordes ist es an der Zeit, dass wir den Begriff nicht mehr verstecken», sagte Özdemir am Donnerstag bei einem Besuch in der Südkaukasusrepublik Armenien.

Die Türkei bestreitet, dass es sich bei den Gräueltaten während des Ersten Weltkrieges um einen Genozid gehandelt habe. Özdemir bedauerte, dass die deutsche Regierung nach wie vor eine unangemessene Sprache für die Verbrechen von 1915 und 1916 verwende.

Zahlreiche Parlamente sowie Länder wie Frankreich und die Schweiz, aber auch internationale Organisationen bezeichnen die Vertreibung und Vernichtung der Armenier heute als Völkermord. Im Osmanischen Reich kamen nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Armenier während des Ersten Weltkriegs ums Leben.

Die Osmanen begründeten die Härte gegen die christlichen Armenier auch damit, dass sie ihnen als Verbündete des christlichen Kriegsgegners Russland in den Rücken fallen könnten. In Armenien ist der 24. April ein nationaler Tag des Gedenkens an das Leid. Die Ex-Sowjetrepublik lädt in diesem Jahr internationale Staatsgäste zu einer großen Gedenkzeremonie ein.

Da die Türkei es als Nachfolger des Osmanischen Reichs ablehnt, die Gräueltaten als Völkermord zu bezeichnen, ist das Verhältnis zwischen Eriwan und Ankara angespannt. Im Gedenkjahr sei die Frage der Anerkennung besonders wichtig, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im armenischen Parlament, Artak Sakarjan. «Die Türkei sollte ihre Vergangenheit aufarbeiten», forderte er.

Özdemir warb in Eriwan für eine gemeinsame Position in Deutschland, «die der Türkei hilft, sich ihrer Vergangenheit zu stellen», so die dpa. Das Deutsche Kaiserreich war ein Kriegsalliierter des Osmanischen Reiches. «Deutschland wusste damals genau Bescheid, hat aber nicht eingegriffen», kritisierte Özdemir. Beim Besuch einer Gedenkstätte in Eriwan sagte er, das Osmanische Reich habe damals «seine besten Bürger» verloren. Für den Abend war ein Gespräch des Grünen-Vorsitzenden mit Präsident Sersch Sargsjan geplant.

Der Außenpolitiker Sakarjan sagte, auch die Unterstützung der Türkei für Armeniens Nachbarland Aserbaidschan belaste das Verhältnis Eriwans zu Ankara. Das turksprachige Aserbaidschan liegt mit Armenien seit Jahren im Streit über die von Baku abtrünnige Region Berg-Karabach. Diese wird von Armenien kontrolliert. Immer wieder kommt es in dem Gebiet zu Schusswechseln mit Toten oder Verletzten. Als Schutzmacht Armeniens tritt Russland auf.

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