Baubeginn bei TANAP: Türkei positioniert sich als europäische Energiedrehscheibe

Die Türkei will internationales Energiezentrum werden. Der Baubeginn der transanatolischen TANAP-Pipeline ist Teil dieser Strategie. Eine Strategie, mit deren Hilfe die türkische Regierung Energie auch in Zukunft bezahlbar machen will.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wird am Dienstag den Grundstein für eine neue Erdgas-Pipeline legen. In Kars, einer Stadt im Nordosten der Türkei, soll der Bau der transanatolischen Gaspipeline TANAP beginnen. TANAP soll Erdgas vom aserbaidschanischen Gasfeld Shah Deniz II quer durch die Türkei bis an die Grenze der EU führen.

Die Gaspipeline hat eine Kapazität von 16 Milliarden Kubikmetern. Nach Anschluss an die Transadriatische Pipeline TAP könnte die erste Gaslieferung 2019 erfolgen. Sechs Milliarden Kubikmeter Gas aus dem Shah-Deniz-Gasfeld sollen dann an die Türkei geliefert werden, zehn Milliarden Kubikmeter Gas sind für den europäischen Markt bestimmt. Mit TANAP ist Aserbaidschan zum größten Direktinvestor in der Türkei aufgestiegen.

Ein Prestigeprojekt

Bei der Ankündigung des Baus der TANAP-Pipeline im September 2012 beschrieb der türkische Energieminister Taner Yildiz das TANAP-Projekt als „Paradebeispiel für die Liberalisierung des türkischen Energiemarktes“, so das Netzwerk für Außenpolitik. Ein Prestigeprojekt für den türkischen Energiesektor also, gleichzeitig aber auch ein dringend notwendiges Projekt: Mit dem Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre ist auch der Energieverbrauch des Landes rasant angestiegen. Die Türkei selber kann jedoch nur auf ein begrenztes Vorkommen von Öl, Kohle oder Gas zurückgreifen.

Neue Wege im Energiesektor

Das massive Gefälle zwischen den heimischen Ressourcen und dem Gesamtverbrauch der Türkei zwingt die türkische Regierung zum Handeln: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will dem steigenden Energiebedarf seines Landes in den kommenden acht Jahren mit massiven Investitionen begegnen (mehr hier). Und neue Strategien zur Energiesicherheit müssen her: Hierbei geht es vor allem darum, die ununterbrochene Versorgung des Landes mit Kohle, Öl und Gas zu garantieren. Energie soll in der Türkei auch in Zukunft bezahlbar bleiben. Die Parole hierzu heißt: diversifizieren. Als eine der Möglichkeiten, sich aus ihrer Öl- und Gasabhängigkeit zu lösen, macht sich die türkische Regierung deshalb schon seit einiger Zeit daran, Energiezulieferer und Zulieferungswege zu diversifizieren. Um die Energieimportwege des Landes zu diversifizieren, will man das Land als Energieumschlagplatz zwischen Mitteleuropa und dem nahen Osten etablieren. Die TANAP-Pipeline ist ein Teil dieser Strategie.

Wer kontrolliert die europäische Gasverteilung?

Aber ist TANAP auch eine echte Alternative zu russischem Gas? Wohl kaum. TANAP wird zusammen mit der TAP-Pipeline als wichtige Option für die Versorgung der europäischen Gasmärkte gehandelt wird. Die tatsächlichen Zahlen sehen aber ganz anders aus: TANAP entspricht mit ihren geplanten zehn Milliarden Kubikmetern gerade einmal zwei Prozent des gesamten europäischen Gasbedarfs. Die russische Gazprom verkauft 15 Mal mehr Gas nach Europa. Das geht so weit, dass manche Gazprom-Manager im privaten Umfeld scherzen sollen, dass das aserbaidschanische Gas in Europa „gerade mal für eine Grillparty reichen würde“, so die Financial Times.

Kostenprobleme

Experten wie Dr. Frank Umbach, Research Director des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King‘s College, London, sehen noch ganz andere Probleme. Im World Review schreibt er: „Es ist unwahrscheinlich, dass das aserbaidschanische Offshore-Gas kostengünstig zu produzieren und 4.000 km über Land nach Europa zu transportieren sein wird – und das auch noch auf einer Route, die generell anfällig für geopolitische Verschiebungen und Terroranschläge ist.“ Auf der anderen Seite, könne die übergeordnete strategische und geopolitische Bedeutung von TANAP und TAP für die europäische Energiesicherheit allerdings auch kaum überschätzt werden, so Umbach. Auch in der EU ist man sich über die energiepolitische Schlüsselposition der Türkei einig: „Wir haben keinen Zweifel, dass wir mit der Türkei weiterhin sehr eng zusammenarbeiten werden“, so zitiert EurActiv einen EU-Beamten. Die Türkei könne sowohl die Route also auch den Nachschub zum EU-Energiemarkt diversifizieren.

Eins ist sicher: Die Türkei könnte in Europa in Sachen Erdgasverteilung in Zukunft der “lachende Dritte“ sein. Mit TANAP steuert das Land nämlich nicht nur eine direkte Kontrolle der europäischen Gaslieferungen aus Zentralasien an, sondern soll, wenn es nach dem Gazprom-Chef Alexej Miller geht, auch zum Transitpunkt für russisches Gas werden: Erst Mitte Januar hatte Miller die EU darüber informiert, dass er den 2019 auslaufenden Transitvertrag mit der Ukraine nicht mehr verlängern und stattdessen den Transit über die Türkei laufen lassen werde, wofür man eine neue Pipeline namens „Turkish Stream“ bis zur türkisch-griechischen Grenze errichte, berichtet Die Welt. Noch im Dezember des vergangen Jahres hatte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu dem Pipeline-Projekt von Gazprom allerdings indirekt eine Absage erteilt: Der Bau der Transanatolischen Pipeline reiche aus, um Europa mit Energie-Trägern zu versorgen. Die Fertigstellung dieses Projekts habe Priorität (mehr hier). Ob Millers Vorstoß ein reiner Bluff ist oder ob durch die Türkei bald auch russisches Gas fließen wird, darüber sind sich Experten allerdings noch uneinig.

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