Machtdemonstration der Kurden: «Sie können uns nicht schlagen»

Seit 1999 sitzt PKK-Chef Abdullah Öcalan auf einer türkischen Gefängnisinsel in Haft. Wer glaubt, das habe seinen Einfluss oder die Macht der PKK geschmälert, irrt. Hunderttausende Kurden feiern ihren «Anführer» - und buhen den türkischen Präsidenten Erdoğan aus.

Hätte die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK Einfluss auf das Wetter, hätte das Timing am Samstag kaum besser sein können: Als bei der Feier zum kurdischen Neujahrsfest Newroz in der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir die Botschaft des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan verlesen wird, hört der Regen auf und die Sonne bricht durch die Wolken. Hunderttausende rufen: «Lang lebe unser Anführer Öcalan!» Die Feier zeigt eindrucksvoll, wie viel Unterstützung die PKK bei den Kurden genießt – und dass Öcalans Einfluss auch nach 16 Jahren in türkischer Haft ungebrochen ist.

Seit gut 30 Jahren kämpft die PKK, zunächst für ein unabhängiges Kurdistan, inzwischen offiziell für weitreichende Autonomie innerhalb der Türkei. Öcalan wirbt in seiner Botschaft am Samstag für Frieden mit der Regierung. Vielen Kurden haben allerdings den Glauben daran verloren, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan es ernst meint mit dem Versöhnungsprozess.

Die zentrale Newroz-Feier in Diyarbakir sendet dabei aus Sicht der PKK und der ihr nahestehenden Partei HDP ein wichtiges Signal aus: dass die Freiheitsbewegung der Kurden weiterhin problemlos die Massen mobilisieren kann. Hunderttausende sind es sicherlich, die zum Newroz-Feld am Rande Diyarbakirs geströmt sind. Die HDP spricht sogar von mindestens 1,5 Millionen Teilnehmern.

Vor der Bühne herrscht wildes Gedränge, junge Männer klettern waghalsig auf Gerüste. Die Menschenmenge erstreckt sich bis zum Horizont. Über den Köpfen ein Meer an Flaggen, die meisten davon sind in der Türkei illegal: Sie zeigen etwa das Konterfei Öcalans oder das PKK-Symbol, einen grünen Stern in gelbem Kreis auf rotem Grund. Linke Kampflieder werden gespielt, die Internationale dröhnt aus den Boxen.

Manche Kinder, Frauen und Männer haben zu Newroz PKK-Uniformen angezogen, allerdings ohne die Insignien der Organisation und ohne Rangabzeichen. Andere Besucher des Festes haben sich in den Nationalfarben der Kurden – Grün, Rot, Gelb – herausgeputzt. Ordner haben Plastiküberzüge über ihre Jacken gestreift, auf denen «Plattform für die Freiheit unseres Anführers» steht.

Zumindest bei den Newroz-Feierlichkeiten in Diyarbakir haben die Kurden ihren Anspruch auf weitgehende Autonomie schon durchgesetzt. Die Polizei – die sonst bei regierungskritischen Veranstaltungen in bedrohlicher Stärke aufmarschiert – ist nirgends zu sehen.

Die Feier zeigt auch, wie viel Auftrieb der siegreiche Kampf der Kurden gegen die Terrormiliz Islamischer Staat in der syrischen Grenzstadt Kobane der PKK gegeben hat – und wie viel Glaubwürdigkeit Erdoğan dabei verspielt hat. «Die PKK ist so stark wie nie», sagt Abdullah Demirbas nach der Newroz-Feier.

Der HDP-Politiker war Bürgermeister der Altstadt von Diyarbakir, jetzt kandidiert er für die Parlamentswahl im Juni. Einer seiner Söhne ist bei der PKK. «Während der Kämpfe um Kobane haben sich Tausende junge Menschen der Organisation angeschlossen.»

Bei der Newroz-Feier spricht Asya Abdullah, die Ko-Vorsitzende der PYD, der syrischen Schwesterpartei der PKK. Sie grüßt die Kämpfer in Syrien, «die Gefangenen der PKK und Anführer Öcalan». «Der Widerstand in Kobane ist Motivation für alle Kurden», ruft sie. «Keine Macht, kein Land wird uns schlagen. Sie können uns nicht schlagen.»

Die Massen jubeln, immer wieder skandieren sie «Freiheit für Öcalan». Nur zweimal buhen sie am Samstagvormittag: Als ein Redner von der Terrormiliz IS spricht – und als der Name Erdoğan fällt. Der Kurde Osman Daban, der der Feier im Publikum beiwohnt, sagt: «Erdoğan ist unser größter Feind.» Der 22-Jährige ist im Kampf um Kobane am Bein verwundet worden und geht an Krücken. Daban gibt wieder, was viele Kurden glauben: dass der Präsident heimlich den IS unterstützt habe.

Erdoğan hat die Aussöhnung mit den Kurden als «größtes gesellschaftliches Projekt der Türkei» bezeichnet. Doch nicht nur seine langanhaltende Weigerung, Unterstützung für die vom IS bedrängten Kämpfer in Kobane zuzulassen, hat sein Image bei den Kurden in der Türkei ruiniert. Dass er damals die PKK mit dem IS gleichsetzte, hat ihm in Diyarbakir ebenfalls keine Freunde gebracht.

Vor wenigen Tagen sagte Erdoğan dann, Kurden hätten nicht mehr Probleme als andere Bürger – und dass es keine Kurdenproblematik in der Türkei gebe. Der Ko-Chef der HDP, Selahattin Demirtas, entgegnete, warum dann der von Erdoğan selbst betriebene Friedensprozess nötig sei. Auch die 30-jährige Kurdin Fatos sagt stellvertretend für viele bei der Newroz-Feier in Diyarbakir, sie traue Erdoğan nicht. «Wir werden immer noch unterdrückt», meint sie. «Wir wollen in diesem Land leben – aber mit gleichen Rechten.»

Öcalan-Botschaft (Englisch)

Mehr zum Thema:

PKK-Chef Öcalan ruft zu Frieden mit türkischer Regierung auf
Machtwort von PKK-Führer Öcalan: Die Ära des bewaffneten Widerstands ist vorbei
Dialog mit der PKK: Türkische Regierung baut auf Öcalan

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.