Modellschule für junge Zuwanderer: Hessische Integrationseinrichtung hat fast 90 % Erfolgsquote

Sie lernen und leben zusammen, um in Deutschland Fuß zu fassen. Ein einzigartiges Schulmodell in Hessen unterstützt junge Zuwanderer. Es geht aber um mehr als einen Abschluss.

Der Afghane Mustafa (18) und die Bulgarin Zyuleiha (22) studieren «Otello» ein. Nebenan bereiten sich 15 Schüler aus Europa, Afrika und Asien im Deutsch-Unterricht auf ihren Hauptschulabschluss vor. Drei von ihnen wohnen auch auf dem Gelände der Hessischen Fördereinrichtung für junge Zugewanderte. Mit dem Konzept aus Schule, Internat und sozialpädagogischer Betreuung ist die Einrichtung in Hasselroth bei Frankfurt nach Darstellung ihres Trägers – des Regierungspräsidiums Darmstadt – einzigartig in Hessen. Auch bundesweit suche sie ihresgleichen, sagt Leiter Michael König.

Die Integrationseinrichtung bietet jungen Aussiedlern, Asylberechtigten und jüdischen Emigranten vor allem zwei Lehrgänge. Der eine führt zum Hauptschulabschluss, der andere zur  Hochschulreife. «Das syrische Abitur beispielsweise wird hier eins zu eins anerkannt, die Schüler müssen nur die Sprache noch lernen», sagt König. Inzwischen gibt es außerdem noch verschiedene Deutsch-Kurse. Die Zahl der Schüler beziffert das Regierungspräsidium auf etwa 120.

Die meisten Schüler sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, etwa zwei Drittel sind Jungen. «Die meisten Eltern schicken ihren erstgeborenen Sohn los», sagt König. Rund 50 wohnen auf dem Gelände am Waldrand – in Einzelzimmern. Seit Jahresbeginn leben auch zehn minderjährige Flüchtlinge auf dem Gelände, die ohne Erwachsene aus den Kriegs- und Krisenregionen der Welt nach Deutschland gekommen sind.

Die modellhafte Einrichtung lebt vom großen Engagement vieler Fachleute und -stellen, so die dpa. So betreuen fünf Sozialpädagogen die Schüler. «Wir schreiben Förderpläne und haben ein offenes Ohr für ihre Probleme», sagt Sozialpädagogin, Tatjana Willführ. Für den Unterricht ist vor allem die Ludwig-Geissler-Schule verantwortlich, eine gewerblich-technische berufsbildenden Schule der Stadt Hanau und des Kreises. Die Caritas kümmert sich um die minderjährigen Flüchtlinge mit fünf eigenen Sozialpädagogen.

Eine auf Flüchtlinge spezialisierte psychosoziale Beratungsstelle helfe seit kurzem bei der Traumatabewältigung, berichtet König. Denn viele haben Schreckliches erlebt. «Der Vater eines Afghanen wurde erschossen, bei einem anderen Jugendlichen ist die Mutter auf der Flucht ertrunken, und eine Äthiopierin weiß nicht, ob ihre Mutter noch lebt», nennt König einige Beispiele.

Die minderjährigen Flüchtlinge können in der Einrichtung auch Deutsch lernen und treffen in der Mittagspause in der Gemeinschaftskantine die anderen Schüler, wie Martin Seifert von der Caritas schildert. Die neuen Bewohner profitieren von den älteren Schülern. «Hier sitzen alle in einem Boot und helfen sich untereinander», beschreibt König die Mentalität in dem Projekt. Abends, an den Wochenenden und in den Ferien kochen die zehn Jugendlichen gemeinsam in ihrem Haus.

Kontakte zu Gleichaltrigen aus der Region seien selbstverständlich. Die Einrichtung, deren Anfänge in den 1950er Jahren liegen, sei in der Region völlig integriert, betonen der Kreisbeigeordnete Matthias Zach und Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (beide Grüne).

«Die Schüler sind hochmotiviert», sagt Lindscheid. «Langfristig haben fast 90 Prozent etwas», beschreibt König die Perspektiven seiner Schützlinge. Schulleiter Herget ist besonders ein ehemaliger Kindersoldat aus Uganda in Erinnerung, der mit 13, 14 Jahren schwer traumatisiert in Frankfurt ankam. Er habe seinen Hauptschulabschluss und dann die Berufsfachschule absolviert, anschließend Mechatroniker gelernt und neben der Arbeit ein Technik-Studium abgeschlossen.

Mustafa, der bei seinem älteren Bruder und dessen Familie wohnt, geht in die einjährige Sprachvorbereitungsklasse, auf die der Hauptschulkurs folgt. Zyuleiha hat in Bulgarien schon Informatik studiert. Sie nimmt an einem vom Land und AWO geförderten Sprachkurs teil, damit sie in Deutschland weiter studieren kann.

Eskalationen habe es in vielen Jahrzehnten nicht gegeben, sagt Schulleiter Herget. «Das Ambiente lädt ein, sich miteinander zu beschäftigen.» Sozialpädagogin Willführ sagt: «Sie respektieren sich gegenseitig. Sie sind hier alle zusammen und alle gleich.» König ergänzt: «Religion ist außen vor.» Konflikte zwischen Nationalitäten oder Christen, Muslimen und Juden gebe es nicht. Gar keine Probleme? «Natürlich sind das normale Jugendliche, wie überall auf der Welt.»

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