Spiel mit Stereotypen: Schüren deutsche Schulbücher Zorn auf Migranten?

Die Ausgestaltung deutscher Schulbücher lässt offenbar schwer zu wünschen übrig. Eine aktuelle Studie wirft ihnen den Einsatz von Klischees vor und befürchtet: Das könnte Spannungen zwischen der deutschen Gesellschaft und Immigranten befeuern.

Ein deutscher Islamvertreter und zwei Abgeordnete haben sich nun im Zuge der Schulbuch-Studie „Migration und Integration“ des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in den türkischen Medien zu Wort gemeldet. Diese wurde von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), in Auftrag gegeben und Mitte März vorgestellt.

Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland (IRD), Linke-Politiker Hakan Tas und Grünen-Politiker Özcan Mutlu sprachen mit der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu über die Ergebnisse.

Politikwissenschaftler Kesici betreut und unterrichtet seit 1999 Islamischen Religionsunterricht (IRU) an Berliner Grundschulen. Im Gespräch mit der türkischen Agentur kritisiert er, dass die deutschen Schulbücher in der Regel Vorurteile gegenüber Migranten enthielten und in einigen Fällen seien sogar Verunglimpfungen zu finden. So gebe es dargestellte Szenerien, wie etwa einen Diebstahl, der mit traditionellen muslimischen Namen wie Ahmad in Verbindung gebracht werde. „Diese Schulbücher pflanzen kleinen Kindern die Ideen ein, dass Ausländer schlecht und mit Diebstahl und Gewalt zu tun haben“, so das Mitglied des Beirats für den Islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen. „Das bleibt in ihren Köpfen hängen und wird Teil der täglichen Gespräche und Diskussionen in der Schule.“ Schon jetzt herrsche eine allgemeine Unkenntnis über Ausländer und Muslime im Land. Solche Schulbücher befeuerten diesen Zustand.

Wenn dies gegen andere Minderheiten geschehen wäre, wäre die Hölle los gebrochen“, zitiert Anadolu Kesici weiter. Doch wenn es um Ausländer gehe, die aus muslimischen Ländern kämen, wenn es um Ahmad und Aisha geht, dann reagiert niemand.

Im Zuge dessen fordert Hakan Tas die Bundesregierung nun auf, die vergangenen 50 Jahre deutsche Migrationsgeschichte zu unterrichten. Wenn Jürgen nicht mit Ahmed spielen wolle, weil Jürgen von seinen Schulbüchern beeinflusst wurde, gebe es für ihn nur eine Konsequenz. „Wir müssen den Rassismus bekämpfen, indem wir in der Schule damit anfangen zu verhindern, dass Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit hier Wurzeln schlagen können.“ Bereits 2005 stellte Deutschland gesetzlich fest, dass es ein Einwanderungsland sei, so Mutlu. Wenn man sich jedoch seine Bildungseinrichtungen, Lehrbücher und Lehrpläne anschaue, werde man feststellen, dass sich die Realität des Einwanderungslandes nicht in unseren Curricula widerspiegelt und sogar MigrantInnen eher negativ dargestellt werden.

Für Aydan Özoguz ist der Fall ebenfalls klar. Im Vorwort der Studie schreibt sie: „Ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren in unserem Land hat einen Migrationshintergrund. Mehr als 80% von ihnen sind deutsche Staatsangehörige. Das heißt: Wir haben eine neue Generation von deutschen Schülerinnen und Schülern. Auf diese Realität müssen sich nicht nur Lehrkräfte und Lehrpläne einstellen. Auch Schulbücher müssen diese gesellschaftliche Entwicklung im Blick haben.

Das Fazit der 84 Seiten starken Studie war niederschmetternd: Zwar wird die Bundesrepublik auch als Einwanderungsland dargestellt, allerdings werden dabei jedoch Konflikte in den Vordergrund gerückt. Von hier lebenden Bürgern mit Migrationshintergrund wird oft eine Anpassungsleistung an die deutsche Gesellschaft gefordert.

„Migration wird in den Sozialkunde- und Geschichtsschulbüchern, teilweise auch in Geografieschulbüchern primär als konfliktträchtig und krisenhaft dargestellt (…) es ist kritisch zu bewerten, dass sich auch in der neuen Schulbuchgeneration kaum Ansätze eines differenzierten Umgangs mit dem Thema Migration finden“, so das zuständige Georg-Eckert-Institut in seiner Zusammenfassung. Dieses hatte gemeinsam mit dem Zentrum für Bildungsintegration an der Stiftung Universität Hildesheim für die Studie 65 aktuell benutzte Schulbücher der Klassen neun und zehn in den Bereichen Geschichte, Politik, Sozialkunde und Geografie, die in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Berlin und Brandenburg unter die Lupe genommen.

Hier geht es zur Schulbuch-Studie „Migration und Integration“ (PDF).

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