„Die mit dem Kopftuch“: Fereshta Ludin fühlt sich nur bedingt als Siegerin

Mit Fereshta Ludin begann der Streit um das Kopftuch an deutschen Schulen. Gerade hat das Verfassungsgericht pauschale Verbote gekippt. Ludins Kampf ist gewonnen - doch um welchen Preis?

Mit ihrer Beharrlichkeit hat Ludin eine schwere Zeit für muslimische Lehrerinnen ausgelöst. (Foto: Flickr/ Sisters In Lunch by FaceMePLS CC BY 2.0)

Mit ihrer Beharrlichkeit hat Ludin eine schwere Zeit für muslimische Lehrerinnen ausgelöst. (Foto: Flickr/ Sisters In Lunch by FaceMePLS CC BY 2.0)

Es ist ein bitterer, später Sieg. Vor mehr als elf Jahren hat Fereshta Ludin vor dem Bundesverfassungsgericht um das Recht gestritten, als Lehrerin in Baden-Württemberg ein Kopftuch zu tragen. Sie gewann – und verlor zugleich. Denn nach dem Urteil 2003 erließen mehrere Bundesländer pauschale Kopftuchverbote. Erst vor wenigen Wochen, Mitte März, wurden diese gekippt. In der Zwischenzeit aber habe die «abstrakte Angst gegenüber muslimischen Frauen mit Kopftuch» zugenommen, sagt Ludin. «Es ist schwieriger geworden, mit Kopftuch zu leben.»

Für das Stück Stoff auf dem Kopf wurde die in Afghanistan geborene Lehrerin bundesweit bekannt. Sie wollte nicht akzeptieren, dass man sie in den Schulen nicht so haben wollte, wie sie war. Ludin stritt, sie polarisierte, wurde zur Heldin und Hassfigur zugleich. Vor allem aber bekam sie einen Stempel: «Kopftuch-Lehrerin», so die dpa.

«In der Öffentlichkeit entstand ein Bild, das nicht mit mir selbst übereinstimmt», sagt die Mitt-Vierzigerin (Jahrgang 1972) heute. Ihre gerade erschiene Autobiografie «Enthüllung der Fereshta Ludin» untertitelt sie trotzdem «Die mit dem Kopftuch».

Ludin beschreibt darin ihren Weg nach Karlsruhe, Vorurteile, Anfeindungen und wie sehr sie dies alles auch psychisch mitnahm. Sie erzählt aber auch von ihrer Kindheit als Tochter eines afghanischen Diplomaten, als Schülerin in Saudi-Arabien, von der ersten Liebe. Zusammen mit Co-Autorin Sandra Abed berichtet sie, wie sich das Leben als gläubige Muslima in Deutschland anfühlt. Wie sie mit unhöflichen Fragen umgeht. Was sie mit «normalen Deutschen» verbindet.

Im Mittelpunkt jedoch steht das Kopftuch. Die Entscheidung, es zu tragen, habe sie selbst getroffen, berichtet Ludin. Das sei ihre Freiheit, denn niemand dürfe einer Frau vorschreiben, wie sie sich zu kleiden habe. «Es war und ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ein Stück Ich.» Sie fühle sich mit Kopftuch innerlich ruhiger, gelassener. «Das ist für mich wahre Emanzipation.»

Provozieren wolle sie nicht, beteuert die Lehrerin. Das Kopftuch sei für sie kein politisches Symbol, sondern ein Kleidungsstück. Ludin bindet es eher locker, modisch, mag Erdtöne und kräftige Farben. Stünde das Tuch, wie ihr oft vorgehalten wurde, für Unterdrückung, «dann wäre ich die Erste, die es ablegt», betont sie.

Mit ihrer Beharrlichkeit hat Ludin eine schwere Zeit für muslimische Lehrerinnen ausgelöst. In mehreren Bundesländern mussten sie das Kopftuch vor der Klasse abnehmen – oder sich einen anderen Beruf suchen. Junge Frauen, die Lehrerin werden wollten, entschieden sich um. «Dieses Urteil hatte negative Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft», resümiert Nurhan Soykan vom Zentralrat der Muslime (ZDM). Muslimische Frauen seien dadurch stigmatisiert worden.

Dass sie das Leben vieler Frauen negativ beeinflusst hat, belastete Ludin sehr – bis zum Burnout. Als Siegerin, das liest man zwischen den Zeilen, fühlt sie sich nur bedingt.

Heute arbeitet die «Kopftuch-Lehrerin» in Berlin an einer staatlich anerkannten islamischen Privatschule. Hier stört das Stück Stoff niemanden. Sie habe die Hoffnung, erzählt Ludin, dass irgendwann auch andere Menschen ihr lieber in die Augen statt auf das Kopftuch schauten.

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