Blackout in der Türkei: War eine Kette von Fehlern verantwortlich?

Die Türkei wurde am vergangenen Dienstag on einem gigantischen Stromausfall erschüttert. 76 Millionen Einwohner in 80 der 81 Provinzen des Landes waren betroffen. Welche Ursachen der neunstündige Blackout tatsächlich hatte, ist weiterhin unklar. Wahrscheinlich gibt es gleich mehrere.

Um 10.36 Uhr am vergangenen Dienstagmorgen wurde es für das Gros der türkischen Bevölkerung dunkel. In 80 der 81 türkischen Provinzen fiel der Strom aus. Einzig Van blieb verschont. Dort erhält man einen Teil seiner Energie aus dem Iran. Insgesamt wurden von dem Blackout mehr als 76 Millionen Bürgerinnen und Bürger in der einen oder andere Weise beeinflusst.

Dem türkischen Energieministerium zufolge handelte es sich bei dem Ereignis am Dienstag um den fatalsten Blackout seit dem Marmara-Erdbeben des Jahres 1999. Der Ausfall habe auch jetzt für Chaos im gesamten Land gesorgt, so die türkische Zeitung Hürriyet. Öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht mehr, Ampeln fielen aus, Krankenhäuser schlagen Alarm, Fabriken stoppten ihre Produktion, Handynetze wurden gestört, Personen saßen in Aufzügen fest und überall bildeten sich Staus auf den Straßen. Die wirtschaftlichen Gesamtkosten des Ausfalls sollen sich auf mindestens 700 Millionen US-Dollar belaufen.

Erst am Nachmittag war in weiten Teilen des Landes die Stromversorgung wiederhergestellt. Energieminister Taner Yıldız verkündete gegen 20.00 Uhr, dass alle Provinzen nun wieder Strom hätten. Einige Bürger hatten also gut neun Stunden ohne Elektrizität auszuharren.

Warum es zu einem solch massiven Stromausfall kam, ist für die türkischen Behörden allerdings noch unklar. Yıldız selbst unterbrach seine Dienstreise in die Slowakei, um noch am 31. März mit seinen Kollegen zu sprechen. Im Laufe des Tages, so das türkische Blatt, habe es verschiedene offizielle Erklärungen zur Lage gegeben, allerdings meist nur mit dürftigen technischen Informationen.

Energieexpertin Merve Erdil zufolge läge die wahrscheinlichste Erklärung jedoch in einer Kette von Fehlern. Laut Erdils Theorie setzte demnach eine Art „Domino-Effekt“ ein, als gegen ein Uhr morgens ein Kraftwerk in der ägäischen Region plötzlich nicht mehr produzierte und in der Folge zu einem Versorgungsschnitt von über 2.000 Megawatt geführt hätte. Dieser sackte gegen 10.02 Uhr am Morgen noch weiter ab, als das Atlas Wärmekraftwerk in der südlichen Provinz Hatay und das Kraftwerk Dicle Hydro im Südosten des Landes um 10.44 Uhr zum Stillstand gekommen seien. Im Zuge dieser abnormen Schwankungen der Frequenz in der Türkei, hätte sich dann der Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) vorsichtshalber vom türkischen Netz getrennt. Dies habe jedoch eine Erhöhung der Instabilität des bereits geschwächten, türkischen Energienetzes zur Folge gehabt, was dann zum landesweiten Stromausfall geführt habe. Für sie ist also ein katastrophales Missmanagement in den frühen Morgenstunden die wahrscheinlichste Ursache.

Doch warum dauerte der Stromausfall so lange? „Das nationale Energienetz der Türkei ist wie ein ausgeklügeltes Netz von modernen Autobahnen mit vielen Seitenstraßen, die als Backup verwendet werden können, auch in den Worst-Case-Szenarien“, beschreibt die Hürryiet die Situation. „Doch genau diese Tatsache schürt bei vielen Menschen Zweifel, dass dieser katastrophale Stromausfall tatsächlich nur durch Misswirtschaft erklärt werden könnte.“

Derzeit würden verschiedene Theorien in der Bevölkerung kursieren. So würden einige etwa an einen Cyber-Angriff oder Terrorismus glauben. Premier Davutoğlu erklärte, dass die Möglichkeit eines Cyber-Angriffs und des Terrorismus, einschließlich Sabotage, nicht ausgeschlossen werden könnten. Erst im November hackte die türkische Hackergruppe RedHack die Website des staatlichen Stromnetzbetreibers (TEIAS). RedHack erklärte damals, man habe den Cyber-Angriff in Erinnerung an Berkin Elvan unternommen (mehr hier).

Andere glauben an einen Zusammenhang mit der Geiselnahme in Istanbul (mehr hier). So etwa der Vorsitzende der türkischen Oppositiospartei CHP, Kemal Kılıçdaroğlu, der nachfragte, ob es zwischen beiden Ergeignissen eine Verbindung geben könnte. Zudem seien in den Sozialen Netzwerken Behauptungen kursiert, dass es die Täter nur Dank des Blackouts geschafft hätten, in das Gerichtsgebäude einzudringen. Der türkische Energieminister wies solche Spekulationen jedoch zurück.

Im Netz, so das Blatt weiter, hätten sich jedoch auch andere Verschwörungstheorien getummelt. So sei behauptet worden, dass jemand den Blackout konstruiert hätte, um in dem ganzen Chaos etwas anderes, wie einen kritischen Flug-Datensatz oder ein Schattenfinanzgeschäft, zu verbergen. Immerhin seien in den Städten auch die Überwachungskameras für Stunden ausgefallen. Andere, wie der CHP-Abgeordnete Umut Oran, vermuten dahinter gar Propaganda für Atomkraft. So zumindest werteten sie eine Aussage von Premier Erdoğan, der während des Stromausfalls betont habe, dass die Türkei einen zunehmenden Bedarf an Kernenergie hätte und den Bau eines dritten AKWs ankündigte. Oran stellte darauf hin eine entsprechende Anfrage im Parlament.

Schließlich könnte der Blackout auch auf strukturelle Probleme zurückzuführen sein. Dieser Theorie zufolge führte die Privatisierung aller 20 Stromverteilernetze im Jahr 2013 zu einem ausgesprochen unübersichtlichen Markt. Die Betreiber einzelner Erdgaskraftwerke etwa würden eigenmächtig über ihre Produktion entscheiden, so die Hürriyet. Problematisch sei das gerade an unprofitablen Stunden oder Tagen, wenn zudem die Preise niedrig seien.

Staatliche StromerzeugungsUnternehmen haben die Preise seit dem 1. Januar durch eine Steigerung der Produktion bei den thermischen und Wasserkraftanlagen auf ein Rekordtief getrieben. Die Folge: Die in Privatbesitz befindlichen Erdgaskraftwerke die in der Regel eine stabilere Versorgung böten stoppten oder verlangsamten ihre Produktion.
Auch die dadurch erzeugte Instabilität könnte den Weg für massive Stromausfälle geebnet haben.

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