An der Grenze zum Islamischen Staat: «Wer will, kann rüber»

Die Türkei versichert, sie gehe gegen westliche Dschihadisten vor, die nach Syrien wollen. Ein Besuch an der Grenze zeigt, wie schlecht sie gesichert ist. Nur wenige Minuten braucht ein Schmuggler für den illegalen Übertritt ins IS-Gebiet - unter den Augen der Polizei.

Ahmed Ali steht am Grenzübergang im südosttürkischen Akcakale. Auf der syrischen Seite, in Tell Abjad, herrscht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Aus Tell Abjad kommt Ahmed, dort will er jetzt wieder hin. Einen Ausweis hat der 18-Jährige nicht, und der Übergang ist nur für Flüchtlinge geöffnet, die zurück nach Syrien wollen. «Ich gehe hin und her», sagt Ahmed. «Ich gehe illegal.» Wann er das nächste Mal nach Tell Abjad wolle? «Ich gehe jetzt», sagt der Schmuggler dem deutschen Reporter in Akcakale. «Du kannst zuschauen.»

Prompt geht Ahmed mit einem Freund los, der einen Drahtschneider hat. Beide laufen weg vom Grenzübergang Richtung Osten, wo eine Armeestellung zu sehen ist. «Was macht Ihr?», ruft ein Grenzpolizist, es wirkt, als sei der müde Protest vor allem der Anwesenheit des Reporters geschuldet. Zumindest bewegt sich der Polizist keinen Deut, obwohl Ahmed und sein Freund weiterlaufen, parallel zum Grenzzaun.

Zwischen Grenzübergang und Armeestellung biegen die jungen Männer nach Süden ab, so die dpa. Als sie einen Graben passieren, verschwinden sie kurz aus dem Blickfeld, dann sind sie am Zaun – und plötzlich dahinter. Das alles geschieht am helllichten Tag innerhalb von zehn Minuten, vielleicht 200 Meter vom Übergang entfernt und unter den Augen der Sicherheitskräfte. «Schau, jetzt ist Ahmed in Syrien», sagt der 16-jährige Träger Süleyman auf der türkischen Seite des Grenzübergangs. Sein gleichaltriger Kollege Mustafa sagt dem deutschen Besucher: «Wenn Du willst, bringe ich Dich auch rüber.»

Die Türkei ist das wichtigste Transitland für westliche Dschihadisten, die sich dem IS anschließen wollen. Mindestens 650 Islamisten aus Deutschland sind bislang in das Kampfgebiet ausgereist. Die Regierung in Ankara wehrt sich gegen Vorwürfe, sie unternehme dagegen zu wenig, und verweist darauf, dass die 900 Kilometer lange Grenze nach Syrien kaum zu kontrollieren sei. Westliche Sicherheitsexperten entgegnen hinter vorgehaltener Hand, dass die Türkei über die zweitgrößte Armee der Nato verfügt – und die Kontrollen verschärfen könnte, wenn sie wollte.

Mit öffentlichen Äußerungen halten sich deutsche Sicherheitsbehörden eher zurück. Eine Ausnahme machte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zu Jahresbeginn – kurz vor dem Deutschlandbesuch des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Da appellierte Maaßen an die Regierung in Ankara, es sei «noch notwendiger als bisher, dass die Türken weitere Maßnahmen ergreifen», um die Durchreise von Islamisten zu stoppen.

Am Grenzübergang in Akcakale sitzen türkische Polizisten in zivil, ihre Namen wollen sie nicht nennen, Fotografieren ist verboten. Die syrische Seite des Übergangs ist nicht zu sehen. Hinter den Mauern und Toren ragt ein Fahnenmast in den Himmel, dort hisste der IS seine schwarze Flagge, als er den Übergang im Januar vergangenen Jahres einnahm. Warum die Flagge nicht mehr weht, wissen die Polizisten nicht. «Wir haben keinen Kontakt» zur anderen Seite, sagt einer von ihnen. Die Nähe der Extremisten ist auch für ihn beunruhigend. «Wir sind besorgt. Aber bislang haben sie nicht angegriffen.»

Der Polizist sagt, mehrere Dschihadisten aus westlichen Staaten wie Deutschland oder England hätten versucht, über die Grenze zu gelangen. Sie seien festgenommen und ausgewiesen worden. Nur Syrer dürften hier passieren, und das nur in eine Richtung. «Wir lassen niemanden aus anderen Ländern hinüber.» Nach Angaben der Regierung wurden bislang mehr als 1150 Ausländer aus der Türkei ausgewiesen, gegen mehr als 12 500 wurde ein Einreiseverbot verhängt.

Wer allerdings keinem Einreiseverbot unterliegt und sich nicht ganz dumm anstellt – indem er etwa über den offiziellen Grenzübergang nach Tell Abjad ausreisen möchte -, hat trotzdem gute Chancen, zum Islamischen Staat zu kommen. Jungs wie Ahmed schmuggeln nur Tee, Oliven, Kleidung und was sich sonst zu Geld machen lässt in die Türkei. Die Träger am Grenzübergang bieten aber an, den Kontakt zu Menschenschmugglern in Akcakale herzustellen. Jetzt, am Mittag, würden die Männer allerdings schlafen – sie arbeiteten nachts.

«Westler überqueren die Grenze nicht legal, weil die Polizei sie stoppt», sagt Süleyman. «Sie brauchen einen Schmuggler, um die Grenze zu passieren.» In Akcakale habe die Zahl der westlichen Ausländer zwar abgenommen, die sich dem IS anschließen wollten. Immer noch tauchten aber alle paar Tage ein oder zwei neue Ausländer auf – die dann bald darauf wieder in Richtung Syrien verschwinden würden. 100 US-Dollar würden die Menschenschmuggler pro Person berechnen, sagt Süleyman. «Wer will, kann rüber.»

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