Türkische Studenten fordern Gleichberechtigung: Universitäten sollen nicht nur Moscheen, sondern auch Tempel bauen

Via nicht ganz ernst gemeinter Online-Kampagnen fordern derzeit türkische Studenten, dass hiesige Universitäten nicht nur Moscheen auf ihren Arealen errichten sollten. Geht es nach den Petitenten, dürften dort künftig auch Jedi- und buddhistische Tempel stehen.

Türkische Studenten reagieren mit Witz auf den Moscheebau an einer Istanbuler Universität. (Screenshot change.org)

Türkische Studenten reagieren mit Witz auf den Moscheebau an einer Istanbuler Universität. (Screenshot change.org)

Die Diskussion über unterschiedliche Gotteshäuser entbrannte bereits im vergangenen Monat. Damals gab Mehmet Karaca, Rektor der Technischen Universität Istanbul (İTÜ), bekannt, dass auf dem Gelände seiner Hochschule eine große Moschee entstehen solle. Den Bau rechtfertigte Karaca mit einer „großen Nachfrage“ und verwies auf eine einschlägige Petition auf change.org, die mehr als 185.000 Menschen unterzeichnet hatten.

Die positive Reaktion des Istanbuler Uni-Rektors auf eine Online-Kampagne habe darauf hin Studenten anderer Hochschulen und anderer Glaubensrichtungen ermutigt, so die türkische Zeitung Hürriyet. Mittlerweile seien einige satirische Kampagnen gestartet worden, um den derzeit herrschenden religiösen Populismus aufzuzeigen. Hier werde Geld in die Hand genommen, obwohl den Bildungseinrichtungen wissenschaftliche Instrumente und Forschungsmittel fehlten.

So wird etwa in einer der Gegenkampagnen auf change.org von mehr als 25.000 Menschen ein buddhistischer Tempel auf dem İTÜ-Gelände gefordert. „Ich kann meine religiösen Bedürfnisse nicht erfüllen, weil der nächste buddhistische Tempel 2.000 Kilometer entfernt ist und ich in der Mittagspause nicht dorthin gehen kann“, so ein Unterzeichner namens Utku Gürçağ Borataç.

Zeynep Özkatip, die die Petition ins Leben rief, kritisierte in einem Interview mit der Zeitung Hürriyet, dass sich die Universitäts-Verwaltung bislang noch nicht mit ihr in Verbindung gesetzt hätte. Und das, obschon es auch für einen solchen Tempel eine „große Nachfrage“. Aktuell gibt es mehr als 19.500 Unterzeichner. Ein Umstand, der ein solches Bauvorhaben mittels Spenden in ihren Augen als durchaus realistisch erscheinen lasse.

Özkatip, die im dritten Jahr an der İTÜ studiert, berichtet auch von Drohungen, die sie aufgrund ihrer Petition erhalten hätte. „Wir betrachten es als ironisch, dass ausgerechnet diejenigen, die über Islamophobie sprechen, keine Toleranz gegenüber anderen Religionen besitzen“, so Özkatip weiter.

Bemüht wird sich übrigens nicht nur an der İTÜ. Auch in der türkischen Provinz gibt es ein ähnliches Vorhaben. So hat sich eine Reihe von Studenten der Dokuz Eylül Universität in der westlichen Provinz Izmir zusammengetan, die nun den Bau eines Jedi-Tempels auf ihrem Campus fordert. Ihre Argumentation: „Um neue Jedi zu gewinnen und um das Gleichgewicht der Macht zu erreichen, wollen wir einen Jedi-Tempel, heißt es in der Petition auf change.org. Mittlerweile sind neben den Petitenten auch mehr als 5100 User dieser Meinung.

Karaca, der mit seiner Entscheidung an einigen Universitäten ganz offensichtlich die Büchse der Pandorra geöffnet hat, sagte nun zudem den Bau einer Synagoge auf dem Campus-Gelände zu. Vorausgesetzt, hierfür fänden sich ebenfalls genügend Unterstützer. Doch genau in dieser Sichtweise sehen seine Kritiker einen immensen Fehler, so das Blatt. Denn: Wenn er sich auf eine vermeintlich große Nachfrage beruft, diskriminiere er möglicherweise gleichzeitig Minderheiten.

Bereits Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass die Türkei plant 80 Universitätsanlagen im Land mit Moscheen auszustatten. Bislang wurden bereits 15 Gotteshäuser eröffnet. Bis Ende 2015 sollen es schon 50 weitere sein. Die Moscheen sollen für die jungen Akadamiker jedoch mehr sein, als reine Orte des Gebets. Angekündigt wurde das Vorhaben vom Leiter des türkischen Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Mehmet Görmez. Seiner Ansicht nach könnten Moscheen und Universitäten schon rein aus historischer Perspektive nicht voneinander getrennt werden (mehr hier).

Man wolle nicht nur, dass junge Menschen Zugang zu Moscheen hätten, sondern wolle auch etwas für ihre spirituelle Entwicklung tun. Diese sollten deshalb nicht als reine Orte des Gebetes fungieren, sondern „institutionalisiertwerden. „Diese Moscheen sollen keine Orte sein, die vor dem Gebet öffnen und sich nach dem Gebet schließen“, so Görmez. Andere Glaubensrichtungen wurden von der türkischen Regierung bislang allerdings nicht bedacht.

Erst Mitte November 2014 zeigte sich erneut, in welche Richtung die Türkei in Zukunft offenbar marschiert. Denn türkische Sechstklässler finden in ihren Schulbüchern neuerdings niedliche Tiere statt menschliche Genitalien. Aufgefallen war die Überarbeitung bei einem Vergleich neuer und alter Bücher. Der Schritt sorgte für neuen Zündstoff in der Diskussion um zunehmende Eingriffe der türkischen Regierung, Zensur und verstärkte konservative Tendenzen im Land (mehr hier).

Wenig zuvor sorgte die Entscheidung der türkischen Streitkräfte (TAF) für Diskussionsstoff, ihren Kadetten das Ansehen der HBO-Serie „Game of the Thrones“ zu untersagen, für Aufruhr. Der Schritt ist Teil einer neuen Ausrichtung. Die Auszubildenden sollen von allem ferngehalten werden, was mit sexueller Ausbeutung, Pornographie, Exhibitionismus, Missbrauch, Belästigung und negativen Verhaltensweisen“ zu tun hat (mehr hier).

Auch beim Rauchen, beim Alkoholkonsum oder gar bei der Unterbringung von Studenten in Wohnheimen mischte und mischt sich die türkische Regierung ein. Ein Umstand, der die Gesellschaft des Landes offenbar tief spaltet. Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung ist gegen eine Einmischung des Staates in private Angelegenheiten. Das hat eine Umfrage des in Ankara ansässigen Forschungsinstituts MetroPOLL im Jahr 2013 ergeben (mehr hier).

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