Sicherheit und Liebe: Türken heiraten vermehrt nach dem 70. Lebensjahr

Hochzeiten sind nicht nur Feste für junge Leute. In der Türkei entschließen sich Senioren derzeit zunehmend für den Bund fürs Leben nach dem 70. Lebensjahr. Auch sie sind auf der Suche nach Geborgenheit, Liebe und auf der Flucht vor der Einsamkeit im Alter.

Im vergangenen Jahr schlossen 3112 Personen über 70 Jahre in der Türkei den Bund fürs Leben. Davon waren 2712 Männer und 410 Frauen. Auf den ersten Blick erscheint das nicht besonders viel. Immerhin feierten 2014 ganze 1,2 Millionen türkische Paare Hochzeit. Doch ihre Beweggründe werden in einer Zeit, in der auch türkische Familien zusehends kleiner und die Scheidungsrate sukzessive immer höher wird, zunehmend signifikanter.

Erklärt werden könne dieses zunehende Phänomen mit der in der Türkei vorherrschenden Einstellung zur Ehe, so die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Die Ehe gelte hier als sichere Einrichtung, als eine eine Möglichkeit, der Verfestigung und der Erhaltung der Familie, zitiert sie Sevim Atila Demir, Assistenz-Professor für Soziologie an der Universität Sakarya, der das Thema in einem Papier aus dem Jahr 2013 beleuchtet hat. Eigentlich könnten ältere Paare durchaus ohne Trauschein zusammenleben. Doch auch für sie bedeute der Akt der Eheschließung die Gründung einer Familie und damit auch eines neuen Anfangs.

Der Psychologe Ugur Demirbas sieht die Erklärung eher in einem von Geburt an vorhandenen biologischen Bedürfnis nach Bindung begründet. Der Wunsch, in einer Beziehung zu sein, gehöre ihm zufolge zu den Grundbedürfnissen der Menschen. „Menschen, die in ihrem Leben keine Bindungen haben, werden diese bis zu ihrem Tod suchen. Es ist also normal, wenn Menschen über 70 nach einer Beziehung streben“, so Demirbas.

Einen Unterschied zu Ehen in jungen Jahren will hingegen die Psychologin und Eheberaterin lkim Oz sehen. Wenn man um die 70 auf eine Ehe aus wäre, dann gäbe es weder die gleichen Erwartungen noch Gründe dafür, wie in der Jugend. Vielmehr spiele bei vielen die Furcht vor der Einsamkeit am Ende des Lebens eine Rolle, so die Fachfrau. Es gehe um die Versorung im Krankheitsfall, aber auch um die bloße Gesellschaft. Man brauche einen Partner zum Reden. Jemanden, mit dem man den Alltag teilen könne. So habe einmal ein Patient zu ihr gesagt: „Ich möchte nicht allein sterben. Ich will überhaupt nicht allein sein und Tage oder Monate später tot in meiner Wohnung gefunden werden. Deshalb möchte ich heiraten.“

Laut Oz ist einer der wichtigsten Auslöser der Depression die Einsamkeit. Freundschaft und gegenseitige Abhängigkeit würden sich in späten Ehen vertiefen, so Oz. Der Einsamkeit wollen diese Paare mit Liebe und Teilen begegnen. Oft würden auch Kinder von alleinstehenden Senioren solche Verbindungen begrüßen. Vor allem, wenn es darum gehe, dass der Vater wieder versorgt würde. Das Fazit der Psychologin: „Liebe und Sex führen bei jungen Menschen zu Ehen. Lieblosigkeit und die Suche nach Liebe führen zu Ehe bei älteren Menschen. Doch ein ‚Lebenspartner‘ ist immer wichtig, egal wie alt sie sind.“

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