„Kampf um unsere Existenz“: Eine Kurden-Schule in der Türkei trotzt dem Staat

Kurden in der Türkei haben eine illegale Schule ins Leben gerufen, in der ihre Kinder erstmals in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. Mit jedem Angriff der Polizei wächst die Zahl der Schüler.

Seit gut einem halben Jahr ist die Grundschule in der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir geöffnet. Viermal hat die Polizei versucht, sie mit Gewalt zu schließen. Während des Unterrichts hätten Polizisten vor dem Gebäude Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt, sagt Sabahattin Gülbekin vom Schulvorstand. Doch Lehrer, Eltern und Kinder ließen sich nicht einschüchtern. Nach jedem Polizeiangriff meldeten mehr Eltern ihre Kinder an. Den Zorn der Regierung hat geweckt, dass hier auf Kurdisch unterrichtet wird. Das ist nicht nur ein Novum in der Türkei – sondern auch illegal.

Die «Ferzad Kemanger»-Grundschule ist nach einem kurdischen Lehrer und Aktivisten benannt, der 2010 im Iran hingerichtet wurde, so die dpa. In dem Gebäude, das die von der Kurdenpartei DBP regierte Gemeinde stellt, hängen Luftballon-Girlanden in den Nationalfarben der Kurden: Grün, Rot, Gelb. «Kurde – Kurdisch – Kurdistan» steht auf einem rosa Din-A-4-Blatt, das an der Wand im Flur klebt.

Im Treppenhaus ist zu lesen: «Ein Baum wächst da, wo er gepflanzt wurde. Ein Mensch wächst mit seiner Muttersprache auf.» Anstelle der Pausenklingel ertönt ein Lied, in dem die Schönheit der kurdischen Sprache besungen wird. Im Musikraum hängt eine Uniform der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in Kindergröße an der Wand. Sie sei «Teil der kurdischen Kultur», sagt ein Lehrer.

Mitte September wurde die «Ferzad Kemanger»-Schule eröffnet, zeitgleich nahmen zwei Schwester-Einrichtungen in den Städten Cizre und Yüksekova den Betrieb auf. Jeder der drei von Spenden finanzierten Schulen hat inzwischen rund 100 Schüler, Gebühren müssen die Eltern nicht bezahlen. Bislang werden nur erste Klassen unterrichtet, aber der Lehrplan und die Bücher bis zum Schulabschluss in der zwölften Klasse sind bereits geschrieben.

In Diyarbakir habe die Schule mit 40 Schülern begonnen, sagt der Lehrer Ali Riza Aydeniz, der ebenfalls im Vorstand sitzt. «Nach jedem Polizeiangriff hat die Zahl der Anmeldungen zugenommen.» Gleichzeitig hätten sich immer mehr Anwohner der Polizei entgegengestellt. Jedes Mal hätten die Behörden die Schule versiegelt. Jedes Mal sei das Siegel am nächsten Morgen aufgebrochen und der Unterricht fortgesetzt worden. «Sie können uns nicht stoppen.»

Initiator der Schulen ist der Demokratische Gesellschaftskongress (DTK). Die Plattform kurdischer Organisationen will den Traum vieler Kurden in der Türkei Wirklichkeit werden lassen: Dass ihre Kinder endlich in ihrer Muttersprache unterrichtet werden können, die der türkische Staat seit mehr als 90 Jahren zu verdrängen versucht.

Die Inhalte glichen denen anderer Grundschulen, sagt Aydeniz. Die Didaktik entspreche aber nicht dem in der Türkei üblichen Frontalunterricht, bei dem vor allem auf Auswendiglernen gesetzt wird. «Wir wollen den Kindern beibringen, wie man etwas versteht.» Alle Materialien würden von der Schule gestellt und von den Schülern geteilt. Patriarchalische Sprache werde vermieden, behinderte Kinder würden einbezogen, Schüler würden von den Lehrern respektiert.

Ziel ist ein kurdischsprachiges Bildungssystem in der Türkei, das von der Einschulung bis zum Universitätsdiplom reicht. Die drei kurdischen Schulen sollen den Anfang machen. Sie sind von den Behörden nicht genehmigt – und können das auch gar nicht sein, die türkische Verfassung ist da eindeutig: «An keiner Bildungseinrichtung darf türkischen Bürgern eine andere Sprache als Türkisch als Muttersprache gelehrt werden», heißt es in Artikel 42.

«Es verstößt gegen die Verfassung», räumt Gülbekin ein. «Aber für uns ist es legal. Es ist das Recht des kurdischen Volkes, auf Kurdisch unterrichtet zu werden. Es ist ein Kampf um unsere Existenz.» Der 50-Jährige fügt hinzu: «Zehntausende Menschen sind dafür gestorben.»

Der Kampf der PKK kostete in den vergangenen 30 Jahren rund 40 000 Menschen in der Türkei das Leben. Muttersprachlicher Unterricht ist eine der wichtigsten Forderungen der kurdischen Autonomiebewegung. Noch in den 1980er Jahren kamen Kurden ins Gefängnis, wenn sie in der Öffentlichkeit kurdisch sprachen.

Seitdem hat sich zwar vieles gebessert. Der Staatssender TRT sendet inzwischen auch auf Kurdisch, private kurdische Sprachschulen werden geduldet. Eine Rechtsgrundlage dafür gibt es aber nicht. Offizielle Sprache der Türkei ist laut Verfassung: Türkisch.

Zu den Folgen zitiert Aydeniz vom Schulvorstand eine Untersuchung der Lehrer-Gewerkschaft Egitim-Sen. Sie habe in den kurdisch dominierten Provinzen vor zwei Jahren ermittelt, dass nur noch fünf Prozent der Lehrer mit kurdischen Wurzeln in ihrer Muttersprache schreiben und lesen könnten. Von den Schülern seien es nur zwei bis drei Prozent gewesen, sagt der 43-Jährige – er spricht dabei Türkisch. Er selber habe Schwierigkeiten, sich in seiner Muttersprache auszudrücken. «90 Prozent der Kurden sind assimiliert worden.»

Auf die Frage, ob die Schule sich nicht dem Verdacht aussetze, eine PKK-Kaderschmiede zu sein, antworten die Vorständler Aydeniz und Gülbekin mit Lachen. Die Schule sei von der PKK unabhängig, meint Gülbekin, eine Verbindung gebe es nur «im Geiste». Und Aydeniz sagt mit Blick auf die Erstklässler, die hier unterrichtet werden: «Wenn wir eine Miliz ausbilden wollten, hätten wir uns Ältere ausgesucht.»

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