Nach „Charlie Hebdo“: Anschläge führen zu Umsatzrekorden bei Islam-Büchern

Der Verkauf von islamischen Büchern in Frankreich hat sich im ersten Quartal 2015 verdreifacht. Geschuldet ist dieser Umsatzanstieg offenbar dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ Anfang Januar. Brancheninsider sehen hier deutliche Parallelen zur Entwicklung nach den Terroranschlägen von New York am 11. September 2001.

Die Terrorattacken von Paris Anfang dieses Jahres haben bei der französischen Bevölkerung offenbar viele Fragen über den Islam aufgeworfen. In den vergangenen drei Monaten hat sich nach Angaben der Gewerkschaft französischer Buchhandlungen die entsprechende Literatur dreimal so gut verkauft wie im selben Zeitraum des Jahres 2014. Branchenfachleute warnen jedoch vor einer unkommentierten Auslegung der Schriften.

Wie deutlich sich die Zahlen nach oben schraubten, das schildert Mansour Mansour, Gründer des Buchverlags Al Bouraq. Sein Unternehmen hat sich auf Werke zum Islam und den Nahen Osten spezialisiert und kann seit den Anschlägen 30 Prozent Umsatzzuwachs verbuchen. Der Branchenfachmann wundert sich nicht. „Das Gleiche geschah nach den Anschlägen vom 11. September 2001“, so Mansour zur französischen Nachrichtenagentur AFP. Er rechne jedoch damit, dass das derzeit hohe Interesse an solchen Büchern etwas länger als damals anhalten könnte. Immerhin stelle der Islam weiterhin ein geopolitisches Problem dar.

Warum die Kunden seit Januar verstärkt Werke über den Islam nachfragen hat nach Ansicht von Buchhändlern ganz pragmatische Gründe. Es gehe um ein besseres Verständnis für eine Religion, von der einige Terrorgruppen behaupten, sie zu vertreten. Und: Es gehe schlicht darum, sich eine eigene Meinung zu bilden. Eine sehr katholische Dame kam herein, um eine Kopie des Korans zu kaufen, weil sie für sich selbst verstehen wollte, ob der Islam nun eine gewalttätige Religion ist oder nicht“, zitiert die Daily Mail etwa Yvon Gilabert, Buchhändler aus Nantes. Ähnliche Erfahrungen machten auch andere Kollegen seiner Zunft. Die Menschen seien auf der Suche nach Antworten, wollen den Fundamentalismus einorden und gleichzeitig erfahren, was der Islam sonst anzubieten habe, so der Tenor.

Solch ein Ansinnen scheint zunächst einmal begrüßenswert. Mansour Mansour warnt jedoch vor einer unkommentierten Lektüre des Korans. Viel zu groß sei die Gefahr aus den hochpoetischen Texten falsche Rückschlüsse zu ziehen. Sein Verlag hat bereits gehandelt, so die Daily Mail weiter. Einschlägige Bücher, die eine zu wörtliche Interpretation anboten, wurden aus dem Programm genommen.

Mansour Mansour konnte bereits mit dem Auftauchen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Jahr 2013 einen Aufschwung verzeichnen. Und auch für das Branchenblatt „Hebdo Livres“ kommt die jüngste Entwicklung nicht allzu überraschend, so die britische Zeitung weiter. Bereits im vergangenen Jahr seien in Frankreich doppelt so viele Bücher zum Islam veröffentlicht worden wie zum Christentum. Auch in diesem März sei der Verkaufsschlager auf Frankreichs größter Buchmesse einschlägig gewesen: Ein Christ liest den Koran“, die Neuauflage eines Buches aus dem Jahr 1984.

Eine intensivere Auseinandersetzung ist in Anbetracht der Bevölkerungsentwicklung in den kommenden Jahren ohnehin angeraten. Die weltweit größte Religion bleibe zwar zunächst das Christentum – doch der Islam liege im Jahr 2050 wohl fast gleichauf. Das gab das US-Forschungsinstitut Pew kürzlich bekannt (mehr hier). Demnach wachse die muslimische Bevölkerung global gesehen so stark wie keine andere Weltreligion. Das Land mit den meisten Muslimen wird in 35 Jahren übrigens Indien sein.

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