Weg aus Deutschland: Fast 200.000 Türken gehen in vier Jahren

In den Jahren 2007 bis 2011 sind 193.000 in Deutschland lebende Türken dauerhaft in die Türkei zurückgekehrt. Am häufigsten waren Arbeitslosigkeit und Diskriminierung ausschlaggebend für die Rückwanderung. Dabei ist die deutsche Volkswirtschaft dringend auf ihre türkischen Mitbürger angewiesen.

Koffer zu und weg. Das einstige Paradies der Russen ist Geschichte. (Foto: Robert S. Donovan/flickr)

Koffer zu und weg. Das einstige Paradies der Russen ist Geschichte. (Foto: Robert S. Donovan/flickr)

Rund 193,000 in Deutschland lebende Türken haben in der Zeit zwischen 2007 und 2011 das Land wieder Richtung Heimat verlassen. Wie die türkisch-deutsche Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK) herausgefunden hat, kehrten verstärkt junge Migranten türkischer Herkunft in die Türkei zurück, weil sie in der Bundesrepublik mit hoher Arbeitslosigkeit und Diskriminierung konfrontiert wurden und bessere wirtschaftliche Chancen in der Türkei sahen. Dabei braucht Deutschland jede Arbeitskraft. Fachkräftemangel und der demographische Wandel bereiten der deutschen Wirtschaft schon länger Sorgen.

Die doppelte Staatsbürgerschaft war längst überfällig

Nach Ansicht des TAVAK-Vorsitzenden Professor Faruk Şen würden diese Zahlen wiederum auch zeigen, dass man bei einer Aufweichung der bestehenden Visa-Regelungen keine verstärkte Zuwanderung aus der Türkei in andere europäische Staaten befürchten müsse. „Die Rückkehr aus Deutschland in die Türkei ist in der Zeit von 2007 bis 2011 unter jungen Migranten spürbar angestiegen. Selbst junge Türken, die einen Beruf und Eigentum in Deutschland haben, kehren zurück. Die wichtigsten Gründe hierfür sind Diskriminierung und Arbeitslosigkeit“, so Şen im Gespräch mit der Hurriyet.

Arbeitsmarktbedingungen für Deutsch-Türken schwer

Doch die deutsch-türkischen Beziehungen sind für beide Staaten wichtig. „Investitionen brauchen Willkommenskultur“, sagt Tamer Ergün Yikici, Vorstandsmitglied der TD-IHK und Geschäftsführer des deutsch-türkischen Senders Radyo Metropol FM. Bereits jetzt seien 5200 deutsche Unternehmen in der Türkei aktiv, so Yikici. Im Jahr 2013 betrug das bilaterale Handelsvolumen 33,7 Milliarden Euro. Doch auch die Willkommenskultur ist gesellschaftlich vielschichtig. Während die Bundesregierung angestrengt versucht, junge Arbeitskräfte ins Land zu locken und diesen den Arbeitsmarktzugang erleichtert, haben es weniger gut Ausgebildete oder Migranten in Deutschland schwer. „Die Integrationsdebatte und die Werbung von Fachkräften verlaufen getrennt“, sagt Prof. Dr. Roland Roth. Der Integrationsforscher stellte fest, dass die beschworene Willkommenskultur der deutschen Behörden besonders der Werbung von Fachkräften diene, aber bei der Integrationsdebatte nicht anzutreffen sei. „Bewerber mit Migrationshintergrund haben bei gleicher Qualifikation schlechtere Einstellungschancen“, sagt der DGB-Bundesvorstand Volker Roßocha. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) informiert, „dass allein die Angabe eines türkischen Namens ausreicht, die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent (mehr hier).

Türken in Deutschland erwirtschaften 16.5 Mrd. Euro im Jahr

Nach Angaben der Stiftung leben derzeit 2,950,000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Davon besitzen nur 1,020,000 die deutsche Staatsbürgerschaft. 1,930,000 hätten ihre türkische Staatsbürgerschaft ebenso wie ihren Status als Ausländer behalten. Personen türkischer Herkunft machen im Augenblick gut 31 Prozent der knapp neun Millionen Einwanderer in Deutschland. Rund 720.000 von ihnen sind Mieter, während 230.000 in ihren eigenen Häusern leben. Die durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt 3,9 Personen und das durchschnittliche Einkommen liegt bei 2.020 Euro, was ein Gesamteinkommen türkischer Mitbürger in Deutschland von 16.5 Milliarden Euro bedeute. Insgesamt konnten sie beim Lohnniveau aufholen (mehr hier).

Kein verstärkter Strom durch EU-Beitritt der Türkei

Die Befürchtung, dass die Türken in die EU strömen, wenn die Türkei Mitglied der Europäischen Union würde und die Visapflicht aufgehoben werde, sei ungerechtfertigt, so Şen. Ohnehin würden türkische Staatsbürger ihr Land nicht verlassen würde, wenn sie nicht in der Lage wären einen „ geeigneten Job zu finden“, der ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung entspräche.

Şen vertritt auch die Ansicht, dass der Ausschluss Türken aus dem Berufsleben eine gängige Praxis in Deutschland sei. „Firmen wollen Türken oder andere Außenseiter für ihre Posten, die ihnen vom Arbeitsamt vorgeschlagen werden.“ Seiner Meinung nach sei liege der Grund dafür in der steigenden „Islamophobie“ und „Turkophobie“ – vor allem in Deutschland. Angriffe von Neonazis gegen Türken seien konkrete Ergebnisse dieser Diskriminierung.

Abwanderung von bis zu 65.000 im Jahr erwartet

Etwa 44 Prozent der türkischen Migranten leben, so Şen weiter, unterhalb der nationalen Armutsgrenze (372 Euro pro Monat). „Diese Leute wissen nicht, was zu tun ist, wohin sie gehen sollen. Sie werden eine Rückkehr in die Türkei nicht in Betracht ziehen, da sie Angst haben, auch dort keine Jobs zu finden.“ Allerdings, so Şen, gehe man derzeit davon aus, dass rund 55.000 bis 65.000 Menschen pro Jahr in die Türkei in der Zukunft zurückkehren werden, falls hier nicht die gleichen Beschäftigungschancen erfüllt würden.

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