„Völkermord“-Streit mit der Türkei: Papst verlangt Mut zur Direktheit

Der Papst wehrt sich gegen die Vorwürfe aus der Türkei, die Geschichte falsch zu interpretieren. Franziskus verweist nun auf die Botschaft der Apostelgeschichte, die Direktheit und christlichen Mut verlangt. Die Kirche könne nicht über das schweigen, was gewesen ist, so der Pontifex.

Franziskus hatte die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren in einer Messe am Sonntag als «ersten Völkermord im 20. Jahrhundert» bezeichnet. (Foto: Flickr/A ride in the popemobile by Raffaele Esposito CC BY 2.0)

Franziskus hatte die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren in einer Messe am Sonntag als «ersten Völkermord im 20. Jahrhundert» bezeichnet. (Foto: Flickr/A ride in the popemobile by Raffaele Esposito CC BY 2.0)

Papst Franziskus hat nach seinen kontroversen Worten zum «Völkermord» an den Armeniern und dem Streit mit der Türkei Offenheit und Mut zur Direktheit in der Kirche verlangt. «Wir können nicht über das schweigen, was wir gesehen und gehört haben», bezog sich der Papst am Montag bei seiner Morgenmesse auf die Worte von Petrus und Johannes nach Jesu Auferstehung in der Ersten Lesung der Apostelgeschichte. «Auch heute ist die Botschaft der Kirche die Botschaft (…) der Direktheit, des christlichen Mutes», zitierte Radio Vatikan den Pontifex weiter.

Franziskus hatte die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren in einer Messe am Sonntag als «ersten Völkermord im 20. Jahrhundert» bezeichnet (mehr hier). In der Türkei provizierte das scharfe Kritik. Denn die Türkei lehnt es als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs ab, von Genozid zu sprechen. Den Gräueltaten waren nach armenischen Angaben 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Die Türkei geht von deutlich weniger Toten aus. Armenier gedenken am 24. April der Massaker an ihrem Volk vor 100 Jahren.

Die türkische Regierung warf dem Papst vor, Rassismus in Europa zu befördern. Die Worte seien «unglücklich gewählt, falsch und widersinnig», sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Sonntagabend in Istanbul. Sie beruhten auf einer «fehlerhaften Interpretation» der Geschichte. «Gleichzeitig tragen sie zum steigenden Rassismus in Europa bei.» Davutoglu kritisierte, der Papst bezichtige Muslime und Türken damit kollektiv einer Schuld (mehr hier).

Das Außenministerium in Ankara teilte derweil mit, man hätte sich gewünscht, dass der Pontifex für alle Opfer des Ersten Weltkriegs gebetet hätte, «ohne zu unterscheiden, ob sie Christen, Muslime oder Juden waren». Die türkische Regierung beklagt seit längerer Zeit eine wachsende Islamfeindlichkeit in Europa.

Die türkische Regierung bestellte nach der Messe den Vatikan-Botschafter ins Außenministerium in Ankara ein. Kurz darauf beorderte das Ministerium auch den türkischen Botschafter beim Vatikan zu Konsultationen nach Ankara zurück.

Dagegen hatte der armenische Präsident Sersch Sargsjan die Äußerungen des Papstes als «starkes Signal» an die internationale Gemeinschaft gelobt, dass ein Völkermord, der nicht verurteilt werde, eine «Gefahr für die ganze Menschheit» darstelle.

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