Film-Festival Istanbul: Regisseure laufen gegen Zensur Sturm

Nach dem Vorführverbot für eine Kurden-Dokumentation ist es beim Istanbuler Filmfestival zu einem Eklat gekommen. Aus Protest haben nun mehr als 20 türkische Regisseure ihre Beiträge aus dem Programm genommen. In einer Erklärung werfen die Kreativen Ankara Unterdrückung und Zensur vor.

Das Vorführverbot der kurdischen Doku „Bakur“ (kurdisch: Norden) hat das Programm des renommierten Istanbuler Filmfestivals durcheinander gewirbelt. Zahlreiche Regisseure haben ihre Beiträge aus dem Programm genommen. Drei der vier Preisverleihungen sowie die große Abschlussgala der Veranstaltung wurden bereits abgesagt.

Nur Stunden bevor die kurdische Dokumentation gezeigt werden sollte, habe das Kulturministerium in Ankara erklärt, dass noch ein für türkische Streifen benötigtes Zertifikat fehle. Nur damit dürfe der Film öffentlich gezeigt werden, berichtet die Nachrichtenseite The News Tribune. Allerdings sei das eher unüblich, heißt es von Seiten der protestierenden Künstler. Andere Filme, die gezeigt wurden, hätten dieses auch nicht. Sie werden der Regierung vor, hier mit zweierlei Maß zu messen. Geschehen sei dies im vergangenen Jahr auch im Fall einer Gezi-Park-Dokumentation auf dem Filmfestival von Antalya, was ähnliche Reaktionen hervorgerufen hätte.

„Es ist klar, dass dieser Schritt durch den Inhalt des Films motiviert wurde“, zitiert das Portal die Produzentin der Doku, Ayse Cetinbas. Im Fokus von „Bakur“ steht das Gebiet Nord-Kurdistan. Dokumentiert wird darin der Alltag der Terrororganisation PKK und wie diese zu einer Frauenbewegung wurde. Ziel des Films, soll die Entwicklung einer anderen Sichtweise auf die Dinge sein.

In einer gemeinsamen Erklärung äußerten darauf hin mehr als 100 Filmschaffende, darunter auch prominente türkische Künstler, wie etwa der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, Nuri Bilge Ceylan, ihren Unmut über das Vorgehen der Regierung. Sie werfen Ankara vor, eine Form der Unterdrückung und Zensur zu betreiben. Sie kündigen an: Bis die Zensur, der sich ‚Bakur‘ ausgesetzt sieht, aufgehoben wird und der Film ohne Hindernisse gezeigt werden darf, werden auch wir unsere Filme beim Istanbuler Filmfestival nicht zeigen.

Unterdessen hat auch Ministerium reagiert. Die Behörde weist die gegen sie erhobenen Zensurvorwürfe zurück, so die türkische Zeitung Sabah.

Gerade in jüngster Vergangenheit hatte die türkische Regierung den Wert ihrer heimischen Filmemacher neu entdeckt. Die Kreativen erhielten im vergangenen Jahr eine Rekordunterstützung für ihre Film- und TV-Projekte. So wurden 2014 gut 31 Prozent der 108 im Inland produzierten Filme mit Budget aus des Ministerium für Kultur bedacht. Das Ziel: Bis zum Jahr 2023 sollen die entsprechenden Exporte auf ein Volumen von zwei Milliarden US-Dollar klettern, so The News Tribune weiter. Umso mehr wird die nun vorgenommene Zensur von den Filmschaffenden als echter Rückschritt in den Bemühungen betrachtet. Die türkische Regierung risikiere das weltweit vorhandene Prestige der türkischen Filmindustrie, damit ein paar Hundert Cineasten den Film nicht sehen könnten, so etwa der Produzent Cem Doruk.

Die Konflikte mit ethnischen Kurden dauern bereits seit Anfang der 1980er Jahre an. Bislang kosteten die Kämpfe rund 40.000 Menschen das Leben. Bis vor wenigen Jahren war das Thema in Kinos und in den Medien jedoch weitestgehend tabu. Die Beschränkungen wurden nach und nach angehoben. Die PKK wird von der Türkei, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten als Terrorgruppe angesehen.

Das 34. Istanbuler Filmfestival startete 4. April und dauert noch bis kommenden Sonntag.

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