Günter Grass: Genozid-Debatte den Türken überlassen

Nicht nur der Papst, auch der kürzlich verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Günther Grass äußerte sich zur Genozid-Frage in Armenien. Laut Grass wäre eine Entschuldigung nötig, die Bezeichnung dieser Vorfälle müsse aber den Türken überlassen werden. Die Anmerkungen fielen auf fruchtbaren Boden, trotz Grass' nationalsozialistischer Vergangenheit.

Günter Grass: Der tote Nobelpreisträger äußerte sich zu vielen Zeitgeschehen. In der Türkei stieß er auf offene Ohren. (Foto: Flickr/Günter Grass im Gespräch mit Wolfgang Herles by Das blaue Sofa / Club Bertelsmann ( CC BY 2.0))

Günter Grass: Der tote Nobelpreisträger äußerte sich zu vielen Zeitgeschehen. In der Türkei stieß er auf offene Ohren. (Foto: Flickr/Günter Grass im Gespräch mit Wolfgang Herles by Das blaue Sofa / Club Bertelsmann ( CC BY 2.0))

Der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass ist tot. Der Autor des berühmten Romans „Die Blechtrommel“ kritisierte zeitlebens innerdeutsche als auch internationale Themen.  So ergriff er vor einigen Jahren anlässlich einer Türkei-Visite auch die Gelegenheit, in Istanbul zum Massaker an den Armeniern zu sprechen. Anders als aktuell im Fall von Papst Franziskus fielen die Reaktionen weitaus positiver aus.

Grass forderte Entschuldigung

Während seines Aufenthaltes im April 2010 äußerte sich Grass zur Genozid-Frage in Armenien. Er riet der Türkei damals eine schnelle Anerkennung der Schuldfrage, so TERT. Während des Ersten Weltkrieges waren schätzungsweise 1,5 Millionen Armenier umgebracht und weitere 500 deportiert worden. Grass erkannte aber auch an, dass dies, auch in Hinblick auf die deutsche Geschichte, nicht einfach sei. „Ich benutze nicht das Wort Völkermord. Es wird eine Aufgabe der Türkei sein, zu erkennen, ob das Wort Völkermord angemessen ist. Was Deutschland betrifft, halte ich es für angemessen“, zitiert die Zeit den Dichter. Weiterhin forderte er eine Entschuldigung von höchster politischer Stelle. Damals erntete er sogar Applaus vom mehrheitlich türkischen Publikum, das unter anderem aus Professoren und Studenten bestand. Der türkische Journalist Doğan Hizlan schrieb weiterhin, dass Grass mit seinen Worten aufgezeigt hätte, wie die Menschheit zukünftig in Frieden leben könne.

Erst in den vergangenen Tagen war die Thematik über die Genozid-Frage wieder aufgetaucht, nachdem sich Papst Franziskus kritisch dazu geäußert hatte. Das Kirchenoberhaupt nannte die Massaker in Armeniern einen Völkermord, was zu heftigen diplomatischen Verwerfungen geführt hat. Während der Gesandte des Heiligen Stuhls in der Türkei umgehend einberufen wurde, zog die Türkei weiterhin ihren Botschafter aus dem Vatikan zurück (mehr hier).

Einreiseverbot von Grass

Aber auch an anderer Stelle sprach der Schriftsteller unangenehme Dinge aus. Der Autor geriet im eigenen Land und in Israel in die Kritik, nachdem er in einem Gedicht das Verhalten Israels im Nahen Osten verurteilte und sechs Jahre zuvor seine Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Waffen-SS bekannt wurde. Als 17-Jähriger wurde er in den Krieg eingezogen und geriet 1944 in Gefangenschaft. Nach dem Krieg setzte er sich kritisch mit der Rolle Deutschlands im Zweiten Weltkrieg auseinander.

Nachdem Grass die israelische Atomwaffenpolitik kritisiert hatte, verhing der Staat zeitweise ein Einreiseverbot für den Schriftsteller. Die Äußerungen wurden danach auch in Israel kritisch diskutiert.

Im wissenschaftlichen Sinn könne das Gedicht von Grass keinesfalls als antisemitisch bezeichnet werden. Denn Grass behaupte nicht, Israels Fehler seien damit zu begründen, dass die politisch Verantwortlichen Juden seien. Grass arbeite in dem Gedicht auch nicht mit klar erkennbaren, antisemitischen Metaphern oder Bildern. Er bediene solche Bilder auch nicht „zwischen den Zeilen“, äußerte sich damals der israelische Historiker Tom Segev zu Wort (mehr hier).

Mehr zum Thema:

Wegen Armenien: Türkei geht auf Konfrontation mit dem Papst
Türkischer Außenminister: Papst Franziskus schürt mit „Genozid“-Äußerung Rassismus
Israelischer Historiker Tom Segev: „Günter Grass ist kein Antisemit“

 

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.