Ali und die Terrormiliz IS: Junger Deutscher verschwindet spurlos

Ein junger Mann aus Saarbrücken bricht zu einem Verwandtenbesuch nach Pakistan auf. Von dort soll er in den Dschihad nach Afghanistan gezogen sein - glauben zumindest pakistanische Ermittler. Deutsche Behörden hüllen sich in Schweigen.

Jugendliche in einem Promo-Video des Dschihads (Screenshot Youtube).

Jugendliche in einem Promo-Video des Dschihads (Screenshot Youtube).

Iftar Naseem mag noch immer nicht glauben, was für die pakistanische Polizei schon lange fest steht: Dass sich ihr Sohn Ali der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen habe. So ungeheuerlich ist der Verdacht für die Mutter, dass sie ihn schlicht leugnet. «Ich habe keine Gründe zu glauben, dass sich mein Sohn freiwillig dem Dschihad angeschlossen hat, so ist er nie gewesen», sagt die noch sichtlich unter Schock stehende 52-Jährige.

Vor einigen Tagen ist sie aus Deutschland ins pakistanische Faisalabad gereist, wo sich die Spuren ihres Sohnes Ali D. verlieren. «Religion war nie Teil seines Lebens. Er wusste noch nicht einmal, wie man betet», sagt sie und versucht dabei, die Tränen zurückzuhalten.

Vor wenigen Monaten war der 21-jährige Ali D. zum ersten Mal in seinem Leben nach Pakistan gereist, wo ihm Familienangehörige einen herzlichen Empfang bereiteten. Alis Onkel Mubashir Bashir war begeistert, den jungen Mann mit den weichen Zügen und dem Bartflaum auf seinem Hof am Rande Faisalabads willkommen zu heißen. Die Jungen und Mädchen waren sehr angetan von ihrem Cousin aus dem fernen Saarbrücken, der eine unbekannte Sprache beherrschte und sich so kleidete, wie sie es nur aus Filmen kannten.

Doch die Begeisterung währte nicht lange. Denn schon einen Monat später soll sich Ali D. radikalen Islamisten in Afghanistan angeschlossen haben. Zwar glaubte die Familie selbst an eine Entführung und meldete das Verschwinden des jungen Mannes Anfang Februar der Polizei, doch diese kam bald zu einem ganz anderen Schluss.

Die Verbindungsdaten von Alis Handy zeigten den Ermittlern zufolge, dass der 21-Jährige regelmäßig in Kontakt mit einem jungen Mann aus Faisalabad stand, der Verbindungen zu Extremisten in Afghanistan unterhielt. «An dem Tag, an dem er verschwand, telefonierten beide mehr als ein Dutzend Mal», sagt der Ermittler Shaukat Ali. Ein Umstand, den die Mutter bis heute nicht begreifen kann: «Wie kann er innerhalb eines Monats an diesen Punkt gekommen sein?», fragt sie ungläubig.

Die Ermittler nahmen Alis Kontaktmann Mubashir ur Rehman fest, ebenso dessen Bruder und Vater, berichtet die dpa. Sie standen zunächst noch unter dem Verdacht, den jungen Mann entführt zu haben. «Aber während der Ermittlungen kamen wir dahinter, dass D. freiwillig nach Afghanistan gegangen ist», sagt der Ermittler. Mubashir ur Rehman habe am Islamischen Seminar in Faisalabad studiert und 2008 eine militärische Ausbildung in Afghanistan erhalten.

Arshad Saeed, der mittlerweile gegen Kaution auf freien Fuß gesetzte Vater des mutmaßlichen Kontaktmanns, sagt, sein Sohn Rehman habe nichts mit Alis Reise nach Afghanistan zu tun. Sowohl Saeed als auch der Ermittler Shaukat Ali weisen auf den Umstand hin, dass Rehman und ein Sohn von Alis Onkel sich noch vom Studium kannten. Dieser Sohn sei es denn auch gewesen, der Ali D. Rehman vorgestellt habe, nachdem der Gast aus Deutschland sein Interesse am Dschihad geäußert habe, sagt der Polizist Shaukat Ali. Seinem Cousin habe Ali D. demnach davon berichtet, dass er zwei Mal vergeblich versucht habe, von Deutschland aus nach Syrien und in den Irak zu gelangen.

Rehman – der laut Polizei 2008 eine Kampfausbildung in Afghanistan erhielt – habe dann den Kontakt zu Extremisten in Pakistan hergestellt, die mit dem IS in Asien in Verbindung stehen, führt der Ermittler weiter aus. Zwar bestätigt Rehmans Vater, dass es ein Treffen zwischen seinem Sohn, Ali D. und dessen Cousin gegeben habe, doch irgendwelche Übereinkünfte seien dabei keine getroffen worden.

In pakistanischen Sicherheitskreisen geht man derweil davon aus, dass es sich bei Ali D. um den ersten aus Europa kommenden Unterstützer handelt, der sich der Organisation Islamischer Staat in der Region angeschlossen habe. Wie deutsche Stellen den Fall einschätzen, und ob sie ihn überhaupt kennen, ist unklar. Das saarländische Innenministerium etwa will sich auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur nicht äußern.

Ali D. selbst hatte fünf Tage nach seinem Verschwinden bei seiner Familie von Afghanistan aus angerufen und ihnen mitgeteilt, dass er sich dem Islamischen Staat angeschlossen habe. Eines Tages werde er wieder zurückkehren, versprach er. Die Familie ermöglichte es der dpa, eines dieser Gespräche mitzuverfolgen, bei dem auch ein Anführer der Aufständischen zu Wort kam, der sich selbst als Kari Ibrahim vorstellte. Eben dieser Ibrahim versicherte Alis Onkel, dass er keine Einwände erheben werde, wenn der junge Mann wieder gehen wolle.

Derweil bestätigte Gul Bali, ein Mitglied der Extremistenorganisation Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), der dpa, dass sich Ali D. einer Gruppe Aufständischer im pakistanisch-afghanischen Stammesgebiet angeschlossen habe, die dem IS die Treue geschworen hat. Zwei weitere Quellen in pakistanischen Extremistenkreisen bestätigten diese Darstellung weitgehend. Ein Vertreter des afghanischen Geheimdienstes ließ hingegen wissen: «Wir haben von keinen Deutschen gehört», der sich den Dschihadisten angeschlossen habe.

In Alis Familie hat die ganze Angelegenheit zu großer Verwirrung geführt. Sie glaubt noch immer, dass der 21-Jährige entführt und gewaltsam nach Afghanistan gebracht wurde, wo er dann einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen weist die Familie zurück.

Tatsächlich ist nicht klar, wie und wo genau der junge Ali sich radikalisiert haben soll. Geboren 1993 im libyschen Sebha, kam er 2004 mit seiner Familie nach Deutschland, wo sie Asyl beantragte. Zunächst lebte die Familie in Lübeck, bevor sie nach Saarbrücken umzog. 2013 erhielten sie Aufenthaltsgenehmigungen.

Drei von Alis Schwestern sowie zwei Brüder lebten weiterhin in Deutschland, sagt Iftar Naseem. Ihr Sohn Ali habe vor einem Jahr die Schule abgeschlossen und zunächst eine Arbeit gesucht, bevor er sich dazu entschlossen habe, seinen Onkeln mütterlicherseits in Faisalabad einen Besuch abzustatten.

Seine Mutter wird nun bald wieder nach Saarbrücken heimkehren, sich um ihre anderen Kinder kümmern. Sie hofft, dass eines Tages auch wieder Ali in diesen Kreis zurückkommt.

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