Nach Herzinfarkt: Türke kehrt mit Eis-Bad zurück ins Leben

Der Türke Bülent S. brach mit einem schweren Herzinfarkt zusammen. Alle Rettungsversuche der Ärzte schienen zunächst vergebens. Dann setzten die Mediziner eine nicht ganz ungefährliche Methode ein: Dank Eis-Bad konnte der zweifache Vater zurück ins Leben geholt werden, wenn auch mit Einschränkungen.

Eigentlich sah Bülent S. Fall für die Mediziner ziemlich hoffnungslos aus. Der 40-jährige Mann aus Ankara wurde mit einem massiven Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Jegliche Reanimationsversuche schlugen zunächst fehl. Dann griffen die Ärzte zur letzten Option.

Die behandelnden Ärzte entschlossen sich, die nicht unumstrittene therapeutische Hypothermie-Behandlung bei dem Familienvater anzuwenden. Bei dieser Maßnahme wird die Körpertemperatur auf 30 Grad herabgesenkt. Ziel ist es, die Auswirkungen des Sauerstoffmangels auf die Organe zu begrenzen. Der Sauerstoffbedarf des Gehirns wird gesenkt, das Absterben von Nervenzellen verzögert. Eine solche Maßnahme sollte allerdings nur auf einer Intensivstation und unter ständiger ärztlicher Kontrolle erfolgen. Als sein Herz wieder zu schlagen begann, kontrollierten die Ärzte dessen Schlag für ganze 24 Stunden und führten seinen Körper langsam wieder zur Normaltemperatur, so das britische Nachrichtenmagazin Mirror.

Über den Berg war Bülent S. damit allerdings nicht. Die massive Behandlung hinterließ Spuren. Er büßte große Teile seines Gedächtnisses ein. An seine Frau und die Kinder habe er sich nicht erinnern können, so das Blatt weiter. Die lebensrettende Maßnahme ist mittlerweile acht Monate her. Seither ist es ihm offenbar gelungen, einen Teil seines Gedächtnisses wiederzuerlangen.

Seine 39-jährige Frau Sibel S. erinnert sich: „Es war wie im Film. Ich wusste nicht, wie ich meinen beiden Kindern erklären sollte, dass wir zuhause warten müssten.“ Seiner Erinnerung half die junge Gattin mit Fotos auf die Sprünge. Es habe jedoch lange gedauert, bis diese ihn erreichten, so Sibel.

Der behandelnde Arzt, Dr. Omer Zuhtu, scheint zufrieden mit der Entwicklung: „Der Mann wurde vor acht Monaten nach Hause entlassen und hat mittlerweile offenbar einen großen Teil seiner Erinnerungen wiedererlangt.“ Über die Nebenwirkungen der therapeutischen Hypothermie-Behandlung gebe es nicht viel Fachliteratur. In der Tat handle es sich um ein umstrittenes Verfahren. „Wir glauben allerdings, dass es in diesem Fall das Leben des Mannes gerettet hat“, so der Arzt.

Dass das in der Türkei angewandte Verfahren in einigen Fällen in der Tat Sinn macht, beschreibt auch das Deutsche Ärzteblatt in einem Beitrag aus dem Jahr 2013:

„Vor zehn Jahren konnte gezeigt werden, dass eine 24-stündige Hypothermie (um 33°C) nach kardiopulmonaler Reanimation die Prognose reanimierter Patienten verbessern kann, zumindest bei dieser selektionierten Patientengruppe:

Alter: 18 bis 75 Jahre
sicherer Herzstillstand oder Kammerflimmern
Zeit bis Reanimationsbeginn 5–15 Minuten
nach Wiedererlangen eines spontanen Kreislaufs keine längere Hypotension (weniger als 30 Minuten im Mittel unter 60 mm Hg) oder Hypoxämie (weniger als 15 Minuten unter 85 % ) (7).

 

In dieser Gruppe überlebten signifikant mehr hypotherme Patienten (81 von 137 versus 62 von 138 beziehungsweise 59 % versus 45 %, p-Wert 0,02), vor allem mehr ohne oder mit nur geringem neurologischem Defizit (75 von 136 versus 54 von 136 beziehungsweise 55 % versus 39 %, p-Wert 0,009) (7). Deshalb hat die therapeutische Hypothermie rasch Eingang in entsprechende Behandlungsleitlinien gefunden (8) und ist mittlerweile auf vielen Intensivtherapiestationen Standard.

Die Methode ist aber auch mit diversen Risiken verbunden. Je tiefer die Temperatur, desto größer das Risiko von Nebenwirkungen, so das Fachportal Anästhesie-Intensivmedizin.com. Unter anderem könne eine erhöhte Blutungsneigung durch Störungen der Gerinnungskaskade auftreten, ebenso wie eine Hyperglykämie durch Störungen der Insulintoleranz oder lokale Kälteschädigungen bei Applikation externer Kühlelemente.

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