Fahrlässiger Plan: Türkei baut Atomkraftwerk in Erdbebengebiet

Unter großem öffentlichem Interesse hat der türkische Energieminister Taner Yildiz den Startschuss zum Bau der ersten türkischen Atomanlage gegeben. Die zahlreichen Bedenken weltweit wurden dabei konsequent überhört: die Anlage steht in einem erdbebengefährdeten Gebiet. Sie soll der Provinz Mersin 10.000 neue Arbeitsplätze bescheren und die energiehungrige Türkei zukunftsfähig machen.

Ein Restrisiko bleibt auch im Fall der zukünftigen türkischen Kraftwerke bestehen. (Foto: Flickr/Homeland Response Force helps find, treat, save and decontaminate nuclear blast victims by California National Guard (CC BY 2.0))

Ein Restrisiko bleibt auch im Fall der zukünftigen türkischen Kraftwerke bestehen. (Foto: Flickr/Homeland Response Force helps find, treat, save and decontaminate nuclear blast victims by California National Guard (CC BY 2.0))

Um den wachsenden Energiebedarf der Türkei zu stillen, sollen in der Türkei eine Reihe moderner Atomkraftwerke entstehen. Die türkische Regierung will in Zukunft von Energieimporten unabhängig sein, deswegen soll in der südtürkischen Provinz Mersin das erste Atomkraftwerk des Landes, namens Akkuyu, gebaut werden. Was solch ein Unterfangen in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet bedeutet, das scheint Ankara bewusst beseite zu schieben.

Der 22 Milliarden teure Komplex wird von der Regierung als eine lohnende Investition in die wirtschaftliche Zukunft der Türkei betrachtet. Erst im März hatte ein landesweiter Stromausfall einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 700 Millionen Dollar verursacht. Der Blackout bestimmte die internationalen Nachrichten und spielte auch der Argumentation der Regierung in die Hände.

Ankara konzentriert sich auf den vermeintlichen Nutzen der Kernenergie, ließ aber bei der Planung des Projekts zahlreiche Bedenken unter den Tisch fallen. Der geplante Atomkomplex in der Provinz Mersin liegt in einem erdbebengefährdeten Gebiet. Erst im Mai des vorherigen Jahres hatte ein Erdbeben der Stärke 6,9 mehr als 250 Menschen verletzt. Die Türkei liegt in der Nähe der Stelle, an der die afrikanische, die arabische und die eurasische Erdplatte zusammentreffen. Die tektonischen Brüche in Nord- und Ostanatolien machen die Türkei zu einem gefährlichen Gebiet. Das Erdbeben von Van im Jahr 2011 hatte dort tausende Todesopfer gefordert. Es steht zu befürchten, dass der Türkei in unabsehbarer Zeit weitere schwere Erdbeben drohen könnten.

Entsorgungsfrage ungeklärt

Kritik an dem Projekt kam bis zuletzt auch von höchster Stelle. Der Verband türkischer Umweltingenieure bemängelte, dass die Entsorgungsfrage der aus Russland gelieferten Brennstäbe bislang ungeklärt sei, so berichtete 3sat. Das Kernkraftwerk soll nach seiner Vollendung vier Reaktorblöcke besitzen und insgesamt 4800 Megawatt Leistung an das Stromnetz liefern. Die dafür verwendeten Brennstäbe müssen nach ihrer Verwendung fünf bis zehn Jahre zwischengelagert werden, wofür noch jegliche Infrastruktur fehlt. Auch sei die Rücknahme der Brennstäbe durch Russland nicht gesichert, so der Sender. Die Ingenieure bemängelten weiterhin, dass das Umweltministerium den Bau des Kraftwerks für unbedenklich eingestuft hätte, ohne über die entsprechenden Experten dafür zu verfügen.

Der Türkei mangelt es an eigenen Fachkräften

Und noch ein weiteres, drängendes Problem ist nach wie vor ungelöst: Erfahrene Fachkräfte hat die Türkei nicht. Bis zum jetzigen Zeitpunkt werden türkische Studenten unter größtem Zeitdruck in Russland ausgebildet. „Wenn die Türkei ein ordentlich entwickeltes Atomprogramm auf die Beine stellen und künftig vier Atomkraftwerke haben will, dann sollte die Türkei seine eigene nukleare Bildung entwickeln“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Rauf Kasumov, stellvertretender Generaldirektor von „Akkuyu NGS Elektrik Üretim A.Ş.” (mehr hier).

Dieser ist hauptsächlich mit dem Bau der Anlage in Akkuyu betraut. Es gebe im Augenblick nur eine Abteilung für Kerntechnik in der Türkei. Diese befinde sich an der Hacettepe Universität in der Hauptstadt Ankara. Akzeptiert würden dort allerdings nur 40 Schüler. Dies sei definitiv nicht genug für die Türkei (mehr hier). „Wir können solche Technologien nur an Nuklear-Ingenieure übertragen, nicht an Bauingenieure oder Maschinenbauer. Bevor wir unseren Technologietransfer in die Türkei in diesem Bereich beginnen können, muss die Türkei eine solide Nuklear-Ausbildung etablieren“, so Kasumov weiter. Und diese müsse dann den eigenen, türkischen Ansprüchen genügen. Ein einziges Zentrum auf diesem Gebiet reiche hier kaum aus.

Türkei beharrt auf ziviler Atomkraft

„Ohne Kernenergie kann ein Land sich nicht fortentwickeln“, sagte Yildiz am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu. Man wolle aber auch erneubare Energien und vorhandene Energieträger nutzen. Akkuyu soll nach seiner Fertigstellung in der Lage sein, eine Metropole der Größe Istanbuls alleine zu versorgen und schaffe tausende neu Areibtsplätze. Es habe eine geplante Lebensdauer von ungefähr 60 Jahren und sei vollends gesichert gegen Naturereignisse wie Tsunamis und Erdbeben.

Das Kraftwerk wird ähnlich wie bei dem in Japan havarierten Atomkraftwerk Fukushima durch Meerwasser gekühlt, was dort bis heute zu immensen Problemen führt (mehr hier).

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