Wissenschaftler will Sorgen zerstreuen: Die Türkei wird kein zweiter Iran

Die Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sorgen international nicht selten für Kritik. Er möchte eine religiöse Generation heranziehen. Seine Partei folgt ihm auf dem Fuße und versucht, in das Leben der Menschen einzugreifen. Erfolg hätten sie damit allerdings nicht, meint ein türkischer Wissenschaftler. Es bestehe ein wesentlicher Unterschied zwischen einem zunehmend konservativen Staat und der Gesellschaft, die sich so schnell nichts vorschreiben lasse.

Die türkische Gesellschaft ist weitaus liberaler als ihr von außen attestiert wird. (Foto: Flickr/ Going home... by Giuseppe Milo CC BY 2.0)

Die türkische Gesellschaft ist weitaus liberaler als ihr von außen attestiert wird. (Foto: Flickr/ Going home… by Giuseppe Milo CC BY 2.0)

Seit die AKP im Jahr 2002 an die Regierung kam, ist die „Islamisierung“ der Türkei ein wiederkehrendes Thema in den Medien. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren hat der jetzige türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen zunehmend konservativen Stil an den Tag gelegt. Die Folge: Es kamen Befürchtungen auf, dass das Land sich in einen „zweiten Iran“ verwandeln könnte. Denn die meisten Beobachter waren sich einig, dass die Tendenzen in der Türkei sich mehr und mehr ins Konservative drehten. Volkan Ertit, Doktorand der Religionssoziologie an der Radboud Universität in den Niederlanden, sieht das völlig anders.

In seinem Buch „Endiseli Muhafazakarlar: Dinden Uzaklasan Turkiye“ sammelt Ertit Hinweise darauf, dass die Macht der Religion in der Türkei tatsächlich rückläufig ist. Für den Autor bedeutet die „Säkularisierung der Gesellschaft“ einen Rückgang des Einflusses des „individuellen Glaubens auf das tatsächliche Verhalten im Leben“. Von dieser Prämisse ausgehend attestiert er der Türkei einen säkularen Weg, fasst das Blatt Al Monitor zusammen. Ginge der Trend tatsächlich in Richtung einer Islamisierung, wie er befürchtet werde, so müsste sich nach Einschätzung von Ertit Folgendes beobachten lassen:

Erhöhte Religiosität bei den jüngeren Generationen als in älteren Generationen
Rückgang der Sichtbarkeit von Homosexualität
– Rückgang der vorehelichen Flirts
– Rückgang beim vor- und außerehelichen Sex
– Zunahme des Glaubens an übernatürliche Wesen
– Eine größere Bevorzugung von Kleidung, die Körperformen nicht preisgibt
– Eine größere Auswirkung der Religion auf das tägliche Leben

Der Autor könne jedoch das Gegenteil beobachten, so das Blatt weiter. So beziehe er sich unter anderem auf eine im Jahr 2008 duchgeführte Umfrage zu „Familie und Religion“ in der 84 Prozent angeben, dass sie glauben, ihre Kinder seien weniger religiös als sie selbst. Ebenfalls deutlich sichtbarer und noch weitaus mehr akzeptiert als vor einigen Jahren sei in der Türkei das Thema Homosexualität. Bestes Beispiel sei hierfür seines Erachtens die Istanbuler Schwulenparade.

Vor- und außereheliche Beziehungen würden zudem immer weitere Verbreitung finden. Das könne allein schon in den Medien und Sozialen Netzwerken beobachtet werden. Gleichzeitig seien im Internet mittlerweile deutlich weniger Menschen auf der Suche nach übernatürlicher Heilung. Selbst ultrakonservative würden heute nicht mehr auf moderne Medizin verzichten wollen.

Mädchen und Frauen in sexy Kleidung, selbst wenn sie ein Kopftuch trügen, seien heutzutage ebenfalls vermehrt anzutreffen. Gerade unter jungen Frauen zeige sich eine deutlich liberalere Haltung im Vergleich zur Generation ihrer Mütter. Daraus entstanden seien sogar eigene Modemagazine, wie etwa die Ala, die als eine Art verhüllte Vogue angesehen wird (mehr hier).

Volkan Ertit sammelt in seinem Buch noch eine ganze Reihe weiterer Beispiele. Die Botschaft sei jedoch nicht, dass die Mehrheit der türkischen Gesellschaft atheistisch werde. Auch, wenn Atheisten derzeit lauter seien als je zuvor. Seine Diagnose bedeute vielmehr, dass Religion immer persönlicher, entspannter und lässiger werde. Bekannte Stand-up-Komiker wie zum Beispiel Cem Yilmaz würden Witze über das Thema Religion machen. Starke negative Reaktionen würden die Künstler dafür nicht mehr erhalten. Auch die Theologen im türkischen Fernsehen zeigten sich gemäßigter. Da würden auch schon einmal Fragen zu einem Justin Bieber-Poster an der Kinderzimmerwand beantwortet. Solche Geistlichen würden die Menschen nicht religiöser machen, so Ertit. Sie seien eine Stütze für Menschen, die die Religion mit ihrem modernen Leben in Einklang bringen wollten. Antworten, die den Alltag der Leute auf den Kopf stellten, würden sie nicht mehr geben.

Genau das sei nach Ansicht des Autors der Grund, warum es heute in der Türkei „ängstliche Konservative“ gebe. Es handle sich hier um eine ältere Generation von Islamisten, die nervös auf die modernere und verdünnte Form des Glaubens blickten, die die junge Generation attraktiv fände. Genau einem solchen Gefühl entspränge dann auch harsche öffentliche Kritik, wie sie etwa im Fall einiger junger Musliminnen geschah, die sich auf einem Konzert vermeintlich zu ausgelassen gaben (mehr hier).

Auch auf die Ankündigungen des türkischen Präsidenten, eine religiöse Generation heranziehen zu wollen (mehr hier), hat Ertit eine Antwort. Seine Aussagen ignorieren kann er natürlich ebenso wenig wie die lange Liste an entsprechenden Maßnahmen der AKP. In der Tat gesteht er ein, dass unter der Regierungspartei die religiös Konservativen viel sichtbarer, leistungsstärker und ehrgeiziger geworden seien. Das Ergebnis sei, dass der türkische Staat weniger „laizistisch“ sei als vorher. Doch ein zunehmend religiöser Staat und eine zunehmend religiöse Gesellschaft seien zwei verschiedene Dinge. Letztere jedenfalls würde in der Türkei nicht existieren. So weit reiche der Einfluss einer einzigen Partei dann doch nicht.

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