Gerechtigkeit für Tuğçe: Tatverdächtiger will Verantwortung übernehmen

Tuğçes Tod bewegte Millionen. Ein 18-Jähriger soll der Studentin in Offenbach einen solchen Schlag versetzt haben, dass sie stürzte und knapp zwei Wochen später starb. Jetzt beginnt der Prozess.

«Sie hat mit ihrer Zivilcourage und Organspende ein Zeichen gesetzt und ist zu einer Symbolfigur geworden», heißt es auf Facebook. (Screenshot Facebook)

«Sie hat mit ihrer Zivilcourage und Organspende ein Zeichen gesetzt und ist zu einer Symbolfigur geworden», heißt es auf Facebook. (Screenshot Facebook)

Fünf Monate nach dem tödlichen Schlag gegen die 22 Jahre alte Studentin Tuğçe an einem Offenbacher Schnellrestaurant beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Der 18-jährige Sanel M. aus Offenbach muss sich ab Freitag (24.4.) wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Er sitzt seit der Tat Mitte November in Untersuchungshaft. Die Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Jens Aßling hat zehn Verhandlungstage angesetzt. Etwa 60 Zeugen und zwei Sachverständige sind geladen.

Die Eltern der Lehramtsstudentin aus Gelnhausen treten als Nebenkläger auf. Drei Berufsrichter und zwei Jugendschöffen müssen sich bis zum 15. Juni ein Bild von der Tat und dem Angeklagten machen. Sanel werde sich vor Gericht zur Sache äußern, kündigte sein Anwalt Stephan Kuhn an. «Er bereut und es tut ihm unglaublich Leid.»

Freunde von Tuğçe haben zum Prozessbeginn eine Mahnwache gegenüber dem Gerichtsgebäude angekündigt. Sie erwarten rund 250 Teilnehmer. «Sie hat mit ihrer Zivilcourage und Organspende ein Zeichen gesetzt und ist zu einer Symbolfigur geworden», heißt es in einem Aufruf bei Facebook.

Bei Heranwachsenden wie Sanel ist das Verfahren grundsätzlich öffentlich. Zum Schutz des Angeklagten oder von Zeugen kann die 10. Große Strafkammer die Öffentlichkeit aber teilweise ausschließen.

Das Interesse an dem Verfahren ist größer als die Zahl der Zuschauerplätze. Von den 52 Plätzen sind 25 für Medienvertreter reserviert. Da sich mindestens 46 Journalisten akkreditiert hatten, wurden einige Plätze verlost, wie Gerichtssprecherin Christa Pfannenschmidt sagte.

Was ist laut Anklage in den Morgenstunden des 15. November passiert? Tugce soll zunächst in der Damentoilette des Fast-Food-Lokals bei einem Streit zwischen Sanel und seinen Begleitern mit zwei Mädchen unter 14 Jahren eingegriffen haben. Dabei soll sie die drei jungen Männer erfolgreich aufgefordert haben, die Toilette zu verlassen.

Einige Zeit später, um kurz nach 4.00 Uhr, kam es auf dem Parkplatz vor dem Lokal zu einer Auseinandersetzung zwischen den Gruppen um Sanel und Tuğçe. Dabei sollen Beleidigungen hin und her gegangen sein. Ein Begleiter, der auch mit auf dem Klo gewesen sein soll, soll Sanel davon abgehalten haben, auf die andere Gruppe loszugehen.

Etwa zehn Minuten später soll Tugce einige Schritte auf Sanel zugegangen sein. Obwohl ihn sein Kumpel immer noch festhielt, schlug der 18-Jährige laut Anklage flach mit der rechten Hand so gegen Tuğçes Kopf, dass sie ohne jede Abwehrreaktion seitlich rückwärts auf den Asphalt fiel und mit dem Kopf aufschlug.

«Der Angeklagte soll erkannt haben, dass mit diesem Schlag die Gefahr eines solchen Sturzes mit tödlich verlaufenden Verletzungen verbunden sein kann», stellt die Staatsanwaltschaft fest.

Durch den Aufprall erlitt die Studentin ein Schädelhirntrauma mit Brüchen des Schädelknochens und fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Am 28. November, ihrem 23. Geburtstag, wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt.

Zur bewegenden Trauerfeier auf dem Friedhof in Tuğçes Geburtsort Bad Soden-Salmünster kamen mehrere Hundert Menschen – darunter Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Die Mindeststrafe für Körperverletzung mit Todesfolge beträgt bei einem Erwachsenen drei Jahre. Bei dem Angeklagten, der in der Tatnacht seinen 18. Geburtstag nachgefeiert haben soll, halten Beobachter eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht für wahrscheinlich. Dafür muss das Gericht eine Reifeverzögerung feststellen. Eine Jugendstrafe – also Gefängnis – liegt (außer bei Mord) zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Damit wäre auch eine Bewährungsstrafe möglich.

Frühere Straftaten Sanels werden dabei auch eine Rolle spielen. Der 18-Jährige war laut Anklagebehörde bereits viermal strafrechtlich in Erscheinung getreten, zweimal wegen Diebstahls, einmal wegen räuberischer Erpressung und einmal wegen gefährlicher Körperverletzung. Dafür saß er 2013 auch bereits im Jugendarrest.

An Tuğçes Schicksal nahmen in den sozialen Netzwerken und über Medienberichte Millionen Menschen Anteil. Viele verehrten die türkischstämmige Studentin als «Heldin» und lobten ihre Zivilcourage. Kommunalpolitiker wollen in Offenbach eine Brücke nach ihr benennen. Eintracht-Frankfurt-Fußballspieler Haris Seferovic erinnerte beim Torjubel an ihren Einsatz, und eine Petition für das Bundesverdienstkreuz unterzeichneten mehr als 215 000 Menschen.

Bundespräsident Joachim Gauck kündigte an, prüfen zu lassen, ob die junge Frau posthum für ihre Zivilcourage geehrt werden soll. Die Bundesregierung begrüßte dies. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sprach den trauernden Eltern sein Beileid aus.

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