10 Millionen Dollar aus eigener Tasche: Türke will Universitäten für syrische Flüchtlinge einrichten

Der türkische Pädagoge Enver Yücel will gegen die Bildungsmisere syrischer Flüchtlinge vorgehen. Tausende junge Syrer können ihre Studien in der Türkei nicht fortsetzen. Yücel stellt nun eine erhebliche Summe aus seinem Privatvermögen bereit und hofft auf weitere Spenden, um deren akademische Laufbahn auch in der Fremde sicherstellen zu können.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat über die Jahre unzählige Flüchtlinge im Schulalter in die Türkei gespült. Mittlerweile sollen mehr als eine halbe Million syrischer Flüchtlingskinder nicht mehr die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, von einer Universität ganz zu schweigen. Die Folgen eines zu frühen Ausstiegs aus dem Bildungssystem sind fatal: zu frühe Hochzeiten und Kinderarbeit sind nur zwei der dunklen Zukunftsaussichten, denen der Pädagoge Enver Yücel nun auf eigene Faust den Kampf ansagen möchte.

Viele syrische Schüler und Studenten werden in der Türkei vor allem mit einem Problem konfrontiert: Sie sprechen die Sprache ihres Zufluchtslandes nicht. Entsprechend bestehen sie auch die erforderlichen Aufnahmetests nicht. Es wird geschätzt, dass etwa 40.000 syrische Flüchtlinge in ihrer Heimat weiterführende Schulen oder Universitäten besuchten und nun keine akademische Zukunft mehr hätten, berichtet das Nachrichtenportal npr mit Verweis auf das Institute for International Education.

Enver Yücel wolle diesem Dilemma nun mit einer ambitionierten Lösung begegnen, heißt es weiter. Er stellt sich ein so genanntes akkreditiertes Hochschulsystem vor, mit Kursen auf Arabisch, Englisch sowie Türkisch, die in den Universitäten entlang der türkischen Grenze stattfinden sollten.

Pläne dieser Art sind für Enver Yücel nicht neu. Er ist Gesellschafter und Aufsichtsratsvorsitzender der Bahcesehir Ugur Educational Institutions – einem globalen Netzwerk von Schulen und Universitäten. Er hat eine Reihe von Universiätscampussen weltweit gegründet, die heute das BAU Global Network bilden. Enver Yücels Aktivitäten im universitären Bereich finden alle gemeinnützig statt.

Nun stelle er eine Summe von zehn Millionen Dollar aus seinem eigenen Vermögen in Aussicht, um das Vorhaben in Gang zu bringen, berichtet das Blatt weiter. In Zukunft sollen weitere internationale Geldgeber gewonnen werden. Seine Intenation dahinter erscheint einfach: Syrische Flüchtlinge über zwei Millionen von ihnen sind jetzt in der Türkei werden ihre Heimat so bald nicht wiedersehen. „Sie haben dort rein physisch gar nichts mehr. In unserem Land haben sie geheiratet und auch begonnen zu arbeiten“, so Yücel. Der Aufenthalt in der Türkei könnte für einige unter ihnen Jahrzehnte dauern.Viele Syrer, so macht er deutlich, hätten mittlerweile ihren dauerhaften Wohnsitz in der Türkei. Sie würden gar nicht mehr weg wollen und sich stattdessen hier eine Zukunft aufbauen. Sie verändern das soziale Gefüge.

Dieser Umstand ist für viele Türken ein sensibles Thema. Sie glauben mit den syrischen Flüchtlingen nun im Wettbewerb um Arbeitsplätze und Dienstleistungen zu stehen. Nicht wenige machen die Gäste für einen Anstieg der Kriminalität verantwortlich. Yücel zufolge gebe es allerdings eine viel größere Gefahr: Blieben die Syrer ohne Ausbildung und Mobilität in der Türkei, würden sie langfristig in der Tat zum Problem. In diesem Zusammenhang verweist er auf Beispiele in Europa, wo Randgruppen leichte Ziele für Extremisten darstellten. „Wir müssen in ihre Bildung investieren. Wir müssen darin investieren, ihnen Fähigkeiten zu vermitteln.“

Erste Schritte hat Yücel offenbar schon unternommen, wie npr berichtet. Demnach soll im Frühjahr ein Team in die Grenzstadt Reyhanli gereist sein, um sich dort mit Vertretern der syrischen Community zu treffen. Die meisten von ihnen seien Professoren oder Dozenten an einer Universität in Syrien gewesen. Sie seien Teil einer größeren Gruppe von mehr als 400 Wissenschaftlern in der Türkei, die seit der Flucht nicht mehr arbeiten konnten. Und sie wissen, dass ihren Kindern der Abstieg droht, wenn ihre Bildungschancen verloren gehen. Zwar akzeptieren die staatlichen Hochschulen in der Türkei Flüchtlinge, aber aufgrund sprachlicher Barrieren und der zu leistenden Gebühren seien nur zwei Prozent tatsächlich eingeschrieben.

Die steigende Zahl der syrischen Flüchtlinge hat die Türkei im Ranking der wichtigsten Zufluchtsorte der Welt bereits 2012 von Position 59 auf Platz zehn katapultiert. Das ging aus einer Untersuchung des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge hervor. „Krieg ist der Hauptgrund für diese sehr hohe Zahl von Flüchtlingen und intern Vertriebenen. 55 Prozent gehen auf das Konto der gut bekannten Situationen in Afghanistan, Somalia, Irak, Sudan und Syrien“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres.

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