Deutsche Muslime treten Radikalen entgegen: „Euer Glaubensbekenntnis entspricht nicht unserem!“

Viele Muslime in Deutschland fordern jetzt eine offene Debatte über Islam und Islamismus. Dabei scheuen sie auch nicht vor ungewöhnlichen Methoden zurück. Ihre Botschaften sind erschreckend anschaulich.

Junge Muslime stellen IS-Hinrichtungsszenen in deutschen Großstädten nach (Screenshot Youtube).

Junge Muslime stellen IS-Hinrichtungsszenen in deutschen Großstädten nach (Screenshot Youtube).

„Lauf weiter, Junge“, ruft ein schwarzgekleideter vermummter Mann mit Säbel in der Hand und schiebt einen Mann im orangefarbenem Overall vor sich her. Er hält ihn am Nacken fest, den Säbel richtet er direkt auf die Kehle des Mannes. „Weiter runter, Junge“, schreit er. Neben ihm das gleiche Bild, mit dem einzigen Unterschied: Der vermummte Mann an seiner Seite hält seinem Opfer keinen Säbel, sondern eine Pistole an die Kehle. Die Szene spielt sich nicht im Irak oder Syrien ab, sondern in einer deutschen Innenstadt. Das wird klar, wenn man auf die beiden Männer im Hintergrund schaut. Sie tragen ein Banner mit der Aufschrift: „Ausgebildet in Bonn, Braunschweig und Wuppertal“. Und man vermutet schon, dass es sich hierbei um eine Protestaktion handelt. Eine Protestaktion gegen islamistische Gewalt. Doch dieses Mal sind es Muslime selber, die an die Öffentlichkeit gehen.

In Youtube kursiert seit ein paar Wochen dieses Video einer Gruppierung, die sich selbst „12thMemoRise“ nennt. 12ThMemoRise, das ist eine Gruppe von muslimischen Jugendlichen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in deutschen Großstädten Hinrichtungsszenen des so genannten Islamischen Staates nachzustellen. Die jungen Schiiten wollen aufrütteln; die Zuschauer darauf aufmerksam machen, dass sich Muslime in Deutschland radikalisieren. Schwerer noch wiegt diese Botschaft vor dem Hintergrund der Pariser Terroranschläge: Noch mehr Muslime wollen jetzt eine aktivere Rolle bei den Protesten und Bekenntnissen gegen islamistischen Terror einnehmen.

Der Facebook-Aufruf von Lamya Kaddor

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ist eine von ihnen: Sie hat einen Aufruf gestartet. Auf Facebook hat Kaddor gerade ein Manifest für eine offene Gesellschaft und gegen Terror und Gewalt im Namen des Islams veröffentlicht. Zu den Unterzeichnern gehören Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan und der Iman Benjamin Idriz. „Wir verabscheuen den Versuch, im Namen des Islam Gewalt zu legitimieren und aus den Anschlägen Kapital zu schlagen“, heißt es darin. Die Unterzeichner haben eine klare Botschaft für die Gewalttäter von Paris: „Euer Glaubensverständnis entspricht nicht unserem. Wir deutschen Muslime sehen uns ebenso in der Verantwortung, gegen diese Radikalen in unserer Gesellschaft zu kämpfen und Lösungsstrategien zu entwickeln.“

Ahmed Mansours Kritik

Einer der Unterzeichner des Aufrufes ist Ahmed Mansour. Der Diplom-Psychologe ist Palästinenser und lebt seit 9 Jahren in Deutschland. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung. In einem im Spiegel veröffentlichten Essay schreibt er: „Wir Muslime müssen damit beginnen, die Ursachen auch bei uns zu suchen“. Für Mansour fehlt es dem Islam vor allen Dingen an einem und das ist Selbstkritik: „Mit der Behauptung, die absolute und einzige Wahrheit zu besitzen geht das Verbot einher, kritisch zu denken“, so Mansour. Sein Denkansatz soll alle Muslime ansprechen. Auch Mansour will aufrütteln. Dies tut er, indem er radikalisierte Muslime in die Nähe der gemäßigten Mehrheit stellt: „Ihre Gefährlichkeit verdanken die radikalen Strömungen nicht so sehr der Differenz zum „normalen“ Islam als vielmehr der Ähnlichkeit.“ Was meint er damit? Für Mansour werden viele muslimische Kinder in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe erzogen. Hier setzen radikale Islamisten an: „Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität annehme und praktiziere, zeige ich, dass ich „der bessere Muslim“ bin.“

Der “bessere Muslim“ zu sei, dass ist für die Mitglieder von „12thMemoRise“ jedenfalls nicht die Absicht bei ihren Aktionen. Zurück zu dem Youtube-Video der Straßenaktivisten in Essen: In der Schlussszene knien die beiden Geiseln im orangefarbenem Overall, vor ihnen steht mit Kreide auf das Pflaster geschrieben: „Zusammen gegen Terror“. Die nachgespielte Hinrichtung steht kurz vor ihrem Höhepunkt: „Wir kommen jetzt zum Schluss. Lasst die Kinder nicht mehr schauen“, sagt ein junger Mann mit Bart, der als eine Art Moderator auftritt. Die Passantengruppe am Rande der gespielten Hinrichtungsszene wird größer. Ein Schuss fällt und die beiden knienden Geiseln sacken in sich zusammen. „Wenn die Henker in Deutschland ausgebildet worden sind, wo gehen sie danach hin?“ fragt der junge Mann noch in die Menge.

Während Muslime in ganz Deutschland mit dieser Art von Aktionen Stellung gegen islamistischen Terror beziehen, lockt die Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ weiterhin Tausende auf die Straße. In Dresden und anderswo protestieren die Pegida-Anhänger gegen den „Verlust der heimatlichen Kultur“. Der aktuelle Migrationsbericht straft sie Lügen: Deutschland ist weit entfernt von einer Islamisierung. Ganz im Gegenteil: Aus muslimisch geprägten Staaten kommen immer weniger Menschen nach Deutschland. Und ein auffälliger Trend setzt sich weiterhin fort: Die Zahl der Türken und türkischstämmigen Deutschen, die in die Türkei gehen ist im Vergleich zu denen, die aus der Türkei nach Deutschland kommen, weitaus höher (mehr hier). In dieses Spannungsfeld fielen auch die türkischen Präsidentschaftswahlen vom letzten Jahr. Erdoğan konnte seine Anhänger in Deutschland erfolgreich mobilisieren: Sein Wahlsieg fiel unter den Deutsch-Türken deutlich höher aus als in der Türkei selbst. Der Grund: Deutsch-Türken fühlen sich in Deutschland diskriminiert (mehr hier).

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