Ständiges Reizthema auch in Deutschland: Darum ist Genozid-Aufarbeitung so schwierig

Spätestens seit der Äußerung von Papst Franziskus ist klar: Der Tod von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich lässt noch heute die Gemüter hochkochen. Die einen fordern ein klares Bekenntnis zum Völkermord. Die anderen vermeiden den Genozid-Begriff tunlichst. Das grundlegende Problem: Die Aufarbeitung der Vergangenheit steht erst am Anfang.

Am 24. April nähert sich der Beginn der Gräueltaten an den christlichen Armeniern zum 100. Mal. In Armenien als auch in Deutschland finden Gedenkfeiern statt. In der Türkei will man davon nichts wissen. Der Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches erkennt das Geschehene nicht als Völkermord an. Das Thema ist sowohl in der armenischen als auch in der türkischen Community in Deutschland omnipräsent. Ein Reizthema auf beiden Seiten.

Aufklärungsarbeit der Zivilgesellschaft – sei es in der Türkei, Deutschland oder Armenien – habe in der Tat sehr viel dazu beigetragen, dass das Thema einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Auch Wissenschaftler hätten neue Erkenntnisse geliefert, so Dr. Berna Bekesen. „Das Problem ist, dass man die historische Aufarbeitung der türkischen Politik und schon gar nicht der türkischen Gesellschaft aufzwingen kann. Noch ist die Aufarbeitung der Vergangenheit politisch nicht gewollt“, sagt die Wissenschaftlerin im Fachbereich Turkologie des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg im Gespräch mit dem Mediendienst Integration.

Bei den rund 40.000 Armeniern und rund drei Millionen Türkeistämmigen in Deutschland sei das historische Geschehen von 1915 das „Thema schlechthin“. „Es ist ein ständiges Reizthema zwischen beiden Bevölkerungsgruppen“, sagt Bekesen. Sie habe den Eindruck, dass auf beiden Seiten großes Misstrauen herrsche. Sie seien extrem „politisiert und polarisiert“. Bei Begegnungen sei das Thema immer ein Streitpunkt, weiß sie aus persönlichen Erfahrungen. In der akademischen Welt seien die Beziehungen freilich anders, sachlich und gelassener.

Eine historische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte könne ihrer Ansicht nach nur in einer offenen, demokratischen Gesellschaft geschehen. Zwar habe sich auch in der türkischen Gesellschaft in den vergangenen zehn, 15 Jahren viel getan. Einige Kreise in der Türkei seien auch sehr sensibilisiert für den Umgang mit den eher „dunkleren“ Phasen der eigenen Geschichte. Aber trotzdem sei noch ein weiter Weg zu gehen, so Bekesen, die sich auf den Umgang der Türkei mit Minderheiten spezialisiert hat, weiter.

Die Wissenschaftlerin beschreibt die Haltung der türkischen Regierung zur Frage als geradezu trotzig. Spielte einst die Forderung, den Völkermord anzuerkennen, eine wichtige Rolle bei den EU-Beitrittsverhandlungen, habe der türkische Staat die EU-Perspektive mittlerweile aufgegeben. Die Türkei wolle sich als „unabhängiger“ Staat inszenieren, der sich dem internationalen Druck nicht beuge, so Bekesen. Ankara suche sich seine Allianzen inzwischen woanders. Wie etwa bei Putin (mehr hier).

Nach wie vor sind die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien gestört. Das Jahr 2007 wird dennoch von vielen als Zäsur empfunden. Der Chefredakteur der armenischen Wochenzeitung AGOS,Hrant Dink, wurde auf offener Straße erschossen. Viele Menschen, die sich sonst nicht für Politik interessiert hätten, seien nach seiner Ermordung auf die Straße gegangen (mehr hier), so die Wissenschaftlerin. Für sie ist klar: „(…) er war kein Polarisierer, sondern ein Versöhner. Sein großes Verdienst war es, ein Tabuthema zur Sprache zu bringen und sich Gehör zu verschaffen, was keiner öffentlichen Persönlichkeit zuvor in der Türkei gelungen war.“

Zuletzt hatte Papst Franziskus mit seiner Einordnung der Verbrechen von 1915 als «ersten Genozid des 20. Jahrhunderts»  nicht nur für Empörung in Ankara gesorgt, sondern eine regelrechte Welle losgetreten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte den Begriff Genozid, den mittlerweile mehr als 20 Staaten weltweit anerkennen, bewusst vermieden (mehr hier). Andere sprachen sich hingegen für eine bewusste Verwendung aus. Am Wochenende dann ein Signal Steinmeiers: Er wolle den Abgeordneten des Bundestages zugestehen, die türkischen Gräueltaten an den Armeniern als Genozid zu bezeichnen, berichtet die Süddeutsche. Bislang habe das Auswärtige Amt stets die Auffassung vertreten, der Begriff solle auf keinen Fall in einem entsprechenden Antrag der Koalitionsfraktionen auftauchen. Seine neue Linie sei mit dem Bundespräsidialamt abgestimmt.

Der türkischstämmige Grünen-Chef Cem Özdemir hatte die Bundesregierung bereits während seines Besuches inder armenischen Hauptstadt Jerewan im vergangenen März aufgefordert, das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren als Völkermord anzuerkennen. «Im 100. Jahr des Völkermordes ist es an der Zeit, dass wir den Begriff nicht mehr verstecken», so Özdemir. Er bedauerte, dass die deutsche Regierung nach wie vor eine unangemessene Sprache für die Verbrechen von 1915 und 1916 verwende. (mehr hier).

Mehr zum Thema:

Moskau steht zu Erdoğan: Kein Armenier-Protest vor türkischer Botschaft
Unterstützung für Erdoğan: Steinmeier vermeidet Begriff «Genozid»
Erdoğan will Papst strafen und Hagia Sophia in Moschee umwandeln

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.