Das Erbe von Hrant Dink: «Genozid» ist immer noch ein gefährliches Thema in der Türkei

Noch immer kämpft die armenische Wochenzeitung «Agos» für die Ziele ihres ermordeten Gründers: die Anerkennung des «Völkermords» an den Armeniern. Bis heute löst das Unbehagen bei den Nachfahren aus, sagt ein Journalist.

In die Redaktion der türkisch-armenischen Wochenzeitung «Agos» in Istanbul kommt man nur durch eine Sicherheitsschleuse. Die Fenster sind vergittert – auch noch im ersten Stock, wo der Journalist Pakrat Estukyan im Newsroom an seinem Schreibtisch sitzt. Estukyan spricht zurzeit oft über den «Völkermord» an den Armeniern vor 100 Jahren: Der Tod von möglicherweise bis zu 1,5 Millionen Menschen steht vor dem Jahrestag der Massaker am 24. April auch bei «Agos» ganz oben auf der Agenda.

Doch der «Genozid» ist ein gefährliches Thema in der Türkei. «Agos» bekam das zu spüren, als 2007 der ehemalige Chefredakteur Hrant Dink vor dem früheren Verlagshaus auf offener Straße von einem türkischen Nationalisten erschossen wurde. Dink hatte die erste und einzige armenische Zeitung in der Türkei 1996 mit Freunden gegründet, um die Probleme der Armenier in der Türkei zu thematisieren. Er engagierte sich für die Aussöhnung von Türken und Armeniern – und kämpfte für die Anerkennung der Massaker als «Völkermord».

«Die Verantwortlichen für den Mord an Hrant hat man nicht gefunden», klagt Estukyan. «Wer hat den Befehl dafür gegeben? Das ist bis heute nicht geklärt.» Estukyan kritisiert, dass die Regierung Ermittlungen gegen Staatsbeamte verhindert hat. Zwar wurde der zum Zeitpunkt des Mordes minderjährige Attentäter zu knapp 23 Jahren Gefängnis und ein Hintermann zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die wahren Täter seien für den Mord nie belangt worden, sagt der Journalist.

Der Tod von Dink aber hat nach Ansicht des 61-Jährigen die Wahrnehmung der Armenier in der türkischen Öffentlichkeit verändert – und auch zu einem stärkeren Bewusstsein für den «Genozid» bei den Menschen geführt. «In der Türkei hat eine unübersehbare und nicht zu unterschätzende Menge von Intellektuellen angefangen, sich für dieses Thema zu interessieren», sagt Estukyan. «Verglichen mit der Situation vor 15 oder 20 Jahren ist diese Menge heute laut genug, um gehört zu werden.»

Doch obwohl sich heute mehr Menschen für das wichtigste Anliegen vieler Armenier einsetzen – dafür, dass Ankara den «Völkermord» anerkennt und Opfer entschädigt – bereite den Armeniern genau diese Aufmerksamkeit Unbehagen. «Die armenische Gesellschaft will nicht auffallen», erklärt Estukyan. «Natürlich kennt sie ihre eigene Geschichte und alles, was vorgefallen ist. Aber die Angst ist groß, dass ihnen die Diskussionen darüber zum Verhängnis werden.» Dink selbst hatte von dem Trauma der Armenier auf der einen und der Paranoia der Türken auf der anderen Seite gesprochen, berichtet die dpa.

Ende des 19. Jahrhunderts lebten im Osmanischen Reich als dem Vorläuferstaat der Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und begann 1915 während des Ersten Weltkriegs mit der systematischen Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach armenischen Angaben wurden 1,5 Millionen Opfer der Massaker, die Türkei geht von deutlich weniger aus. 1987 stufte das Europaparlament die Tragödie als «Völkermord» ein. So sieht es auch mehr als ein Dutzend Staaten, darunter Frankreich, die Schweiz und die Niederlande.

Estukyan nimmt das Wort «Genozid» ohne Scheu in den Mund – ein Tabubruch in der Türkei. Auf Türkisch und Armenisch führen er und mehr als elf weitere Autoren Woche für Woche Dinks Erbe fort. «Agos» versteht sich als Sprachrohr für die armenische Gesellschaft, berichtet aber auch über Demokratisierung, Rechte von Minderheiten, den Schutz und den Fortschritt des Pluralismus in der Türkei. «Wir haben zwar keine große Auflage, aber was wir sagen, ist sehr schwerwiegend», sagt Estukyan.

Einer seiner früheren Kollegen und damaliger Nachfolger von Hrant Dink sagte einmal, nach dem Mord an dem Journalisten habe die Angst immer mit am Schreibtisch gesessen. Estukyan fürchtet sich nicht. «Aber ich spüre den Druck der Verantwortung des Schreibens», sagt er. «Meine größte Angst ist, falsch verstanden zu werden.»

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