Immer mehr kaputte Ehen in der Türkei – und wer ist schuld?

In der Türkei steigt die Scheidungsrate. Dort werden jetzt Stimmen laut, die das auf die Nutzung der Sozialen Medien schieben. Oder in anderen Worten – Facebook & Co. sind nicht gut fürs Eheglück.

Das Eheglück vieler türkischer Ehepaare ist nicht mehr von Dauer (Foto:Flickr/Hochzeit_Andrea_und_Thomas 18 27. März 2013 by Tim Kossow CC BY 2.0).

Das Eheglück vieler türkischer Ehepaare ist nicht mehr von Dauer (Foto:Flickr/Hochzeit_Andrea_und_Thomas 18 27. März 2013 by Tim Kossow CC BY 2.0).

In der Türkei geht eine steigende Zahl an Ehepaaren getrennte Wege. In nur fünf Jahren wuchs die Scheidungsrate am Bosporus um 40 Prozent. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Hochzeiten. Die öffentliche Suche nach den Gründen reist nicht ab: Nachdem man bereits das Fernsehen für das flüchtige Eheglück der türkischen Paare verantwortlich gemacht hat, sind jetzt Social Media an der Reihe.

„Mein Mann war immer vor dem Computer“, zitiert die türkische Zeitung Daily Sabah die 30-jährige Sinem. Sinem lebt in Istanbul, sie ist Modedesignerin und ihr Name wurde von der Sabah-Redaktion geändert. „Er hat mich links liegen lassen, das hat mich verrückt gemacht“, so Sinem. Sinem hat eine dreijährige Tochter und ließ sich 2013 nach dreijähriger Ehe scheiden.

Die Zahlen

Und damit ist sie in der Türkei bei weitem nicht allein. Man könnte sogar sagen, dass Sinem voll im Trend liegt: Ein Studie, die in der vergangenen Woche von der türkischen Agentur für Medienbeobachtung Ajan veröffentlicht wurde, zeigt, dass, während es 2010 in der türkischen Presse noch rund 1000 Geschichten über das Thema Scheidung gegeben hatte, sich diese Zahl 2014 bereits mehr als verdoppelte. 2013 ließen sich nach Angaben des türkischen Statistik Institutes (TurkStat) insgesamt 125.305 Menschen scheiden. Was gleichbedeutend ist mit einem Scheidungs-Plus von 38 Prozent während der vergangenen 10 Jahre.

Die Erklärungsversuche

Diese Zahlen schreien förmlich nach Erklärungsversuchen: Konservative Türken machen die wachsende Zahl berufstätiger Frauen für die gestiegene Scheidungsrate verantwortlich. Andere sehen die Schuld vor allem bei den religiösen Kreisen, in denen nach wie vor die verbreitete Praxis herrscht, Ehen zu arrangieren, so der Deutschlandfunk. Wieder Andere versuchen die Frauen allein für den Trend zur Rechenschaft zu ziehen. Dank des TV-Programms würden sie heute – anders als noch ihre Mütter – nicht mehr alles hinnehmen. Für diese Gruppe sind die türkischen Serien, die Themen wie Liebeskummer, One-Night-Stands oder Ehebruch behandeln, ein regelrechter „Ehekiller“ (mehr hier).

Social Media als störender Faktor im Eheglück

Gegenüber der türkischen Agentur für Medienbeobachtung Ajan haben Experten jetzt den Missbrauch von Social Media und Kommunikationstechnologie für den Anstieg der Scheidungsrate in der Türkei verantwortlich gemacht.

„Während die eine Hälfte eines Paares schläft, kann die andere Hälfte einer dritten Person eine Textnachricht schicken. Das ist mit den Smartphones von heute sehr einfach,“ sagt Yesim Varol Sen, ein Coach und Paartherapeut aus Istanbul dem Daily Sabah.

Der Missbrauch von Social Media und Technologie wird seit kurzem, auch in der Türkei, als einer der Gründe für die steigende Zahl an kaputten Ehen genannt. „Betrug ist einfacher geworden – aber das ist nicht die Schuld der Social Media. Betrug hängt in erster Linie von den Absichten und dem persönlichen Willen des Einzelnen ab“, so der Therapeut.

Das Misstrauen gegenüber der modernen Kommunikationstechnologie und ihrer Folgen für die eheliche Zweisamkeit sitzt bei vielen Menschen in der Türkei jedoch bereits tief: Seda Emeksiz Sasmaz, 30 Jahre alt, ist eine verheiratete Geschäftsfrau aus Ankara. Facebook ist für sie ein Trennungsgrund: „Ich habe gehört, dass einige Männer ihre Ehefrau und ihre Kinder für eine Frau verlassen, die sie auf Facebook kennengelernt haben“, zitiert der Daily Sabah die junge Frau. Der 33-jährige Huseyin, ein Touristenführer aus Istanbul hat ähnliche Ansichten: „Wenn ich eines Tages heiraten sollte, werde ich alle meine Social Media Daten löschen und meine Frau darum bitten, dasselbe zu tuen. Social Media machen eifersüchtig“, so Huseyin.

Bei all dieser Kritik bleiben noch einige, die die Ehre der Social Media gegenüber solchen Anschuldigungen verteidigen: Murat Dokur, der Präsident eines Istanbuler Familientherapiezentrums sagt hierzu: „Ich glaube nicht, dass Social Media für das Scheitern einer Beziehung verantwortlich gemacht werden können. Die Beziehungen, die unter dem Einfluss von Social Media kaputt gehen, funktionierten schon vorher nicht mehr“, so der Therapeut.

Dabei lassen sich in der Türkei – wie in vielen anderen Industrienationen auch – vor allem immer mehr Menschen scheiden, weil nicht mehr klar ist, was jeder in einer Beziehung zu leisten hat: Kinder sind längst nicht mehr nur Frauensache, Väter sind nicht mehr ausschließlich Ernährer. Das ist auch in der Türkei nicht anders. Das Konfliktpotenzial, das hieraus entsteht, ist riesig: Wie in westlichen Industrienationen auch, müssen türkische Frauen heutzutage oftmals ein Spagat zwischen Familie und Karriere vollziehen (mehr hier). Die Konsequenzen, die das für ihr Eheleben hat, sind nicht immer positiv.

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