US-Denkfabrik: Die Türkei hat sich erfolgreich von EU gelöst

Der Chef-Stratege der US-Denkfabrik Stratfor ist erfreut über die Veränderungen zwischen der Türkei und der EU. Die Türkei gehöre nach Europa aber nicht in die EU. Das Land müsse seinen eigenen Weg gehen.

Die Türkei hat sich aus der „Falle“ einer EU-Vollmitgliedschaft gerettet. Das eröffnet dem Land ungeahnte Möglichkeiten im Nahen Osten, im Kaukasus und auf dem Balkan. Diese Ansicht vertritt zumindest der Chef des privaten US-Geheimdiensts Stratfor, George Friedman. Auch die jüngst überwundene EU-Krise komme der Türkei zugute. Denn sie sei schlichtweg kein Teil der EU und befinde sich außerhalb der Euro-Zone. Doch das Land gehöre zu Europa.

Türkei unverzichtbarer Partner der USA

Friedman war vor einigen Monaten in der Türkei und sprach auf einer Veranstaltung des Unternehmer-Vereins Anatolische Löwen (ASKON). „Ein türkischer EU-Beitritt wäre eine große Überraschung gewesen – doch keine positive“, zitiert Bloomberg HT den Stratfor-Chef. Die Türkei sei ein unverzichtbarer Partner der USA. Ankara müsse nun Entscheidungen bezüglich der Zukunft seiner Nachbarschaft fällen. Friedman brüstete sich damit, dass er schon 2006 vorhergesehen habe, dass die Türkei zu einer Regionalmacht heranwachsen werde. Er freue sich über die aktuelle Entwicklung, weil er in seiner Analyse bestätigt wurde. Auch zufolge der US-Geheimdienststudie “Global Trends 2030″ werde die Türkei bis 2030 ihren Status als wirtschaftliche, territoriale und militärische Macht weiter ausbauen und eines der einflussreichsten Länder weltweit werden (mehr hier). Die Basis hierfür liege in einem Aufstieg zur Regionalmacht. Allerdings seien auf diesem Weg noch einige Hürden zu überwinden. Es gebe auch Faktoren, die eine Gefahr für einen derartigen Aufstieg darstellen.

Türkei-Proteste sind nichts Besonderes

Friedman sagte über die regierungskritischen Proteste der letzten Jahre:

„Wo gibt es die nicht? In den USA haben wir jedes Wochenende Proteste. Die Stabilität und den Erfolg einer Regierung können sie nicht nach den Ansprüchen und Wünschen von Regierungs-Gegnern beurteilen. Es wird immer Kritiker und Befürworter geben. Das liegt in der Natur der Demokratie.“

Er empfehle der Türkei, die bilateralen Beziehungen mit den USA zu stärken. Dasselbe gelte für Polen und Japan, die sich in ähnlichen machtpolitischen Ausgangs-Positionen befinden. Die USA sei ein unverzichtbarer Partner für alle drei Staaten. Denn Amerika kontrolliere alle Ozeane und mache ein Viertel der Weltwirtschaft aus. „Sie müssen mit uns leben. Egal, was wir manchmal für einen Unsinn verzapfen“, so Friedman. Die USA stünden türkischen Unternehmen auch als Export-Markt zur Verfügung.

Türkeis Rüstungsbranche nimmt an Fahrt auf

Insgesamt habe die Türkei eine verhältnismäßig stabile Wirtschaft und ein starkes Militär. Besonders das Militär und die türkische Rüstungsbranche sind von steigender Wichtigkeit. Sie sollen die Türkei in Zukunft unabhängiger von der amerikanischen Rüstungsbranche machen. Türkische Produkte sind auf dem Weltmarkt immer besser absetzbar. In den ersten acht Monaten dieses Jahres konnten türkische Waffenschmieden insgesamt Güter mit einem Wert von ungefähr einer Milliarde US-Dollar ins Ausland verkaufen. Der größte Handelspartner waren im ersten Halbjahr 2014 die USA. Hierhin wurden Waren in einem Wert von 370 Millionen Dollar exportiert. Mit einem finanziellen Rahmen von 62 Millionen US-Dollar war Malaysia der zweitgrößte Handelspartner. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate kauften im großen Stil türkische Rüstungsgüter (mehr hier).

Weltwirtschaftsforum sieht Türkei als kommende Weltmacht

Der Europa-Direktor des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos, Nicholas Davis, hat die zunehmende Bedeutung der Türkei auf dem internationalen Parkett hervorgehoben. Die Türkei wird im Jahr 2015 Gastgeber des G20-Gipfels sein. Allein dieser Umstand werde das Land enger an die anderen Wirtschaftsnationen heranrücken lassen. Die Türkei habe hier Gelegenheit, maßgeblichen Einfluss auszuüben. „Das Land ist jetzt die sechzehnt größte Volkswirtschaft der Welt und die sechstgrößte in Europa“, zitiert die türkische Zeitung Sabah den Europaleiter. Mittlerweile genieße die Türkei seiner Ansicht nach internationale Glaubwürdigkeit in Bezug auf die Verwaltung der öffentlichen Finanzen und gelte als Motor für das regionale Wachstum. Die Herausforderung für die Türkei bestünde nun darin, den Wachstumskurs weiter fortzusetzen und gleichzeitig die Abhängigkeiten von ausländischem Kapital zu reduzieren. Die Ratingagentur Fitch warnte bereits im vergangenen Jahr, dass die türkische Abhängigkeit von kurzfristigem Auslandskapital ein Risiko für das Land darstelle. Doch aufgrund der stabilen Banken-Strukturen der Türkei sei ein Crash aktuell unwahrscheinlich (mehr hier)

Exportschwäche der Türkei schütze vor Wirtschaftskrise

Selbst deutsche Energieunternehmen planen in Zukunft mit dem türkischen Markt und dessen steigenden Energiebedarf. Trotz innenpolitischer Probleme und gravierender Grenzkonflikte konnten sich die türkischen Unternehmen behaupten. Auch die Investoren ließen sich im vergangenen Jahr nicht nennenswert abschrecken (mehr hier). Was oft als die Achillesferse der türkischen Wirtschaft dargestellt wird, war in diesem Fall ihr großes Glück. Die Exportwirtschaft der Türkei macht nur 25 Prozent der eigentlichen Volkswirtschaft aus, so Inverstor-Verlag. So konnte die Finanzkrise die Türkei nicht nennenswert treffen. Es gab für sie keine schwächelnden Exportmärkte, die ihr Wirtschaftswachstum hätten bremsen können (mehr hier).

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