Ungewöhnliche Völkerverständigung: Die türkisch-armenische Käsediplomatie

Die türkisch-armenische Beziehung ist, trotz erster diplomatischer Schritte, miserabel. Ein erfolgreiches türkisch-armenisches Joint Venture in der Käseproduktion zeigt, wie Völkerverständigung jenseits der Politik funktioniert.

Die türkische Stadt Kars und die armenische Stadt Gyumri liegen weniger als 70 Kilometer auseinander. Zwischen beiden Städten liegt nicht nur eine Grenze, die seit mehr als zwanzig Jahren geschlossen ist, sondern auch eine gescheiterte, politische Verständigung. Doch es gibt Brücken darüber beispielsweise aus Käse.

Die Käseproduzenten beider Städte und einer aus der georgischen Stadt Ninotsminda produzieren und vermarkten zusammen erfolgreich „Kaukasischen Käse“, berichtet die New York Times.

Mit dieser Form der informellen Diplomatie sind die Käseproduzenten weitaus erfolgreicher als die Politiker beider Länder. „Mein Käse ist der Fußball-Diplomatie zwischen unseren Ländern weit voraus“, sagte Artush Mkrtchyan, Erfinder des kaukasischen Käses, im Jahr 2012 bei einem Gipfel des Verbandes der armenisch-türkischen Völkerverständigung. Damit spielt er auf den Besuch des damaligen Präsident Abdullah Gül an, der im September 2008 zu einem Fußball-WM-Qualifikationsspiel zwischen beiden Ländern nach Eriwan flog. Diesem Besuch folgte der Gegenbesuch von Armeniens Präsident Sersch Sargsyan, der für das Rückspiel im Oktober 2009 nach Bursa kam.

Zwischen beiden Fußballspielen gab es ernsthafte Bemühungen die Beziehung beider Länder zu kitten und die Grenze zu öffnen. Es wurden sogar Protokolle zur Wiederherstellung der diplomatischen Beziehung angefertigt. Trotzdem, alle weiteren diplomatischen Versuche scheiterten an der Frage des türkischen Genozids an den Armeniern (im Völkermord-Streit bat Egemen Bağış Deutschland um Hilfe – mehr hier) und konkurrierenden Territorialansprüchen zwischen Aserbaidschan und Armenien, bei denen sich die Türkei auf die aserbaidschanische Seite schlug. Jene Protokolle wurden noch nicht einmal zur Ratifizierung in den Parlamenten eingereicht.

Eine Annäherung auf politischer Ebene scheint Experten weiterhin unwahrscheinlich. Es gibt neben dem Käseprojekt aber einige weitere Projekte zur Völkerverständigung, wie beispielsweise einen Jugendaustausch. Aber auch gemeinsame wissenschaftliche Workshops, konzertierter Regionaltourismus und gemeinsame kulturelle Projekte knüpfen Bande zwischen beiden verfeindeten Ländern.  „Diese Art von Track-two Diplomatie ist wirklich wichtig,” sagt Hasan Selim Ozertem. „Wenn die Beziehungen zwischen zwei Ländern schlecht sind, werden die Schäden zusätzlich vertieft, wenn es keinen Kontakt zwischen den Völkern gibt.“ (auch die Arme der Künstler sind weit geöffnet – mehr hier)

„Diese Bindungen bilden gemeinsam eine Kraft zur Konfliktprävention, die es vor fünf Jahren noch nicht gab“, sagt Gevorg Ter-Gabrielyan, Direktor der nichtstaatlichen Eurasia Partnership Foundation in Armenien. Er sieht die Dynamik als eine Folge der Protokolle.

Artush Mkrtchyan hat inzwischen ein neues Projekt: „Kaukasisches Bouquet“ ist ein gemeinsames Vermarktungsprojekt von Weingütern in der Türkei, Armenien und Georgien sowie Weingütern in Aserbaidschan und Karabach. Passt gut zum Käse.

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