Gaucks Völkermord-Aussage: Berlin ignoriert Rüge aus Ankara

Zwischen der Türkei und Deutschland knirscht es, weil der Bundespräsident die Massaker an Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord bezeichnet. Ankara will Gaucks Worte «nicht verzeihen». Berlin übergeht den Rüffel des Nato-Partners.

Die Bundesregierung hat die massive Kritik der Türkei an den Völkermord-Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck kommentarlos verhallen lassen. Bundespräsidialamt, Kanzleramt und das Auswärtige Amt äußerten sich am Sonntag nicht zur türkischen Kritik an Gaucks Aussagen zum «Völkermord» an den Armeniern vor 100 Jahren. Die diplomatische Verstimmung wurde nicht kommentiert.

«Das türkische Volk wird dem deutschen Präsidenten Gauck seine Aussagen nicht vergessen und nicht verzeihen», erklärte das Außenministerium des EU-Beitrittskandidaten. Präsident Recep Tayyip Erdogan machte einen verbalen Rundumschlag gegen Gauck und weitere Staatsoberhäupter wegen ihrer Bewertung der historischen Fakten.

Gauck hatte die Massaker im Osmanischen Reich an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg erstmals klar als Völkermord bezeichnet. Er setzte sich damit über Bedenken in der deutschen Bundesregierung hinweg, diese Einordnung könne die Beziehungen zum Nato-Partner Türkei beschädigen. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs lehnt die Bezeichnung Völkermord ab.

Die Regierung in Ankara reagierte scharf, so die dpa. Gauck habe keine Befugnis, der türkischen Nation eine Schuld anzulasten, die den rechtlichen und historischen Fakten widerspreche, hieß es in der Mitteilung des Außenministeriums vom späten Freitagabend. Die Regierung warnte vor «langfristigen negativen Auswirkungen» auf das deutsch-türkische Verhältnis.

Präsident Erdoğan wies am Samstag alle Staaten zurecht, die von Völkermord sprechen. Speziell Russland, Frankreich und Deutschland sollten sich um ihre eigene Geschichte kümmern, sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu. «Zuerst müssen sie, einer nach dem anderen, die dunklen Punkte ihrer eigenen Geschichte bereinigen.»

Das türkische Außenministerium hielt dem französischen Präsidenten François Hollande dessen Teilnahme an einer Gedenkzeremonie in Armenien vor, die von Ankara als «Verunglimpfung der türkischen Identität, Geschichte und Gesellschaft» eingestuft wurde. Die Russen erinnerte die türkische Regierung an eigene «Gräueltaten und Vertreibungen» im Kaukasus, in Zentralasien und Osteuropa während der vergangenen hundert Jahre.

Der Bundestag hatte sich am Freitag Gaucks Bewertung der Gräueltaten an den Armeniern angeschlossen. Redner aller Fraktionen teilten diese Einschätzung. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) meldeten sich nicht zu Wort.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland sieht im Streit um die Bewertung der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich auch die Türkei in der Pflicht. «Die türkische Politik sollte mehr in die Offensive gehen und mit Fakten bei der Aufklärung helfen», sagte der Vorsitzende der Gemeinde, Gökay Sofuoğlu, der Deutschen Presse-Agentur. Der Streit werde dem deutsch-türkischen Verhältnis aber nur vorübergehend schaden, sagte Sofuoğlu.

Die Massaker hatten am 24. April 1915 mit der Verhaftung Hunderter Intellektueller in Konstantinopel (Istanbul) begonnen. Im Krieg gegen das christliche Russland warf die osmanische Regierung den christlichen Armeniern vor, mit dem Feind zu paktieren. Auch andere christliche Minderheiten wurden verfolgt. Die Armenier bezeichnen sich selbst als das weltweit älteste christliche Volk.

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