Alte Theorie: EU bereitet sich auf Aufteilung der Türkei vor

In der Türkei gibt es Stimmen, die glauben, dass in ihrem Land gezielt Unruhe gestiftet werden soll. Die Armenier-Debatte zeige einen klaren Frontverlauf. Die Stimmung soll aufgeheizt werden, so ihr Eindruck.

Der Haberturk-Kolumnist Serdar Turgut schreibt in einem Artikel, dass im Westen und insbesondere in Europa eine Art Sehnsucht vorherrsche, wonach die Heimat der Türken aufgeteilt werden soll. Doch dieser Vorwurf ist nicht neu.

Die EU stand in der Vergangenheit und werde auch in Zukunft die Türkei in keiner einzigen politischen Frage unterstützen, so der Kolumnist. Zudem falle auf, dass in keiner einzigen Debatte und mit keinem Wort türkische und muslimische Opfer des Ersten Weltkriegs oder die kollektive Vertreibung der Türken vom Balkan oder aus dem Kaukasus in Europa als erwähnenswert erachtet werde.

Beim Zypern-Konflikt, in der Kurden-Frage, in der Armenier-Debatte oder bei der Lösungsfindung für das Nahost-Problem, habe die EU bisher immer Partei gegen die Türkei ergriffen. Das Hauptproblem der Europäer sei offenbar die Tatsache, dass sie keine starke Türkei im Nahen Osten, im Kaukasus und auf dem Balkan wolle. In diesem Zusammenhang böten sich zwei Instrumente, die die Europäer zur Unruhestiftung in der Türkei nutzen: Erstens die ethnische Karte und zweitens die religiöse Karte. Dieses Szenario malte der mittlerweile verstorbene Ex-Geheimdienstchef Mahir Kaynak über Jahre hinweg im Rahmen seiner Interviews, Bücher und Konferenzen aus.

Die ethnische Karte werde insbesondere auf die Kurden des Landes angewandt. Bei der Aufwiegelung der Kurden gegen ihre eigene Heimat hätten sich die Europäer nur teilweise erfolgreich gezeigt. Andernfalls wäre in der Türkei längst ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Die religiöse Karte werde eingesetzt, um eine künstliche Polarisierung von säkularen und religiösen Kräften herbeizuführen. Polarisierung und Destabilisierung seien die Mittel der EU, um strategisch unliebsame Länder auszuschalten. Es erscheine nahezu schizophren, dass die Europäer mit jenen Mitteln vorgingen, die sie den USA durchgehend vorwerfen.

Kaynak sagte außerdem, dass sich die EU auf einen Militär-Einsatz gegen die Türkei vorbereite. Die Armenier-Debatte diene lediglich dazu, diesen Einsatz psychologisch vorzubereiten und möglichst viele Mitstreiter zu gewinnen. Die Europäer wollten konkret dort weitermachen, wo sie 1920 aufgehört hätten, nämlich mit der Aufteilung der Türkei und der Auslöschung der Türken in Kleinasien. Das sei jedenfalls der Eindruck, der bei vielen Bürgern der Türkei vorherrsche. Als historische Richtlinie diene hier der Vertrag von Sèvres aus dem Jahr 1920. Dieser Vertrag besiegelte das Ende des Osmanischen Reichs und war eine Kapitulation. Mustafa Kemal Atatürk und zahlreiche Offiziere wandten sich gegen das Abkommen, da es ganz gezielt auf die physische Vernichtung des türkischen Volks gerichtet gewesen sei. Später wurde jener Vertrag durch den Vertrag von Lausanne im Jahr 1923 ersetzt. Damit war der Grundstein für die türkische Nation gelegt worden.

Ob die Europäer in ihren immer noch andauernden alten Bestrebungen gegen die Türkei erfolgreich sein werden, bleibt unklar. Doch mit was für einem Europa es die Welt zu tun hat, hat bisher der Chef des privaten US-Geheimdiensts Stratfor, George Friedman, offenbar treffend beschrieben. „Europa hat den Anschein einer prächtigen Zivilisation und die Realität der Barbarei“, sagte Friedman in einem Interview mit der World News Group.

In einem weiteren Artikel schreibt Friedman, dass sich der Islam und das europäische Christentum in einem tausend Jahre alten Krieg befänden. Europa und die islamischen Länder sind Friedman zufolge miteinander nicht kompatibel, was interessant erscheint, weil es auch Muslime in Europa gibt. Auch hier bleibt unklar, welche Auswirkungen dieser angebliche Kulturkampf in Europa auslösen wird.

Gegen derlei Theorien könnte jedoch die Einschätzung des Präsidenten der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, Rolf Königs sprechen. Im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten geht dieser dezidiert auf die sehr guten deutsch-türkischen Beziehungen ein (mehr hier). Er hält die bilateralen Beziehungen für stabil wachsend und erklärt:

„Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern 34 Milliarden Euro. Deutschland ist mit Waren im Wert von über 12 Milliarden Euro der wichtigste Abnehmer türkischer Produkte und mit einem Volumen von über 21 Milliarden Euro nach Russland das wichtigste Lieferland der Türkei. Aufgrund der langjährigen, intensiven Beziehungen unserer Länder, die sich nicht nur auf die Wirtschaft beziehen, wird dies auch langfristig so bleiben. Es sind inzwischen 6.000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in der Türkei aktiv, und hierzulande sprechen wir von 92.000 türkeistämmigen Unternehmern mit 450.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 45 Milliarden Euro. Unsere Beziehungen sind also ein wichtiger Faktor der deutschen und türkischen Wirtschaft.“

Durch den laufenden EU-Beitrittsprozess der Türkei werde das Land noch näher an Europa gebunden. Davon profitierten seiner Ansicht nach auch die deutsch-türkischen Beziehungen.

Weiterhin könnte dagegen sprechen, dass sich die EU freiwillig in eine Abhängigkeit von der Türkei begibt. Mit dem Bau der transanatolischen Pipeline, kurz TANAP, wird die Türkei einer der größten Energiepartner der europäischen Union. Die Türkei hilft der EU dabei, in Zukunft unabhängiger von russischen Energieimporten zu sein (mehr hier).

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