Der Traum von der großen Türkei wird zum Albtraum

Premier Ahmet Davutoğlu spricht gerne von der Türkei als das „Brasilien des Mittleren Ostens“. Die Auswirkungen einer dominanten Türkei-Politik sind heute sichtbar: Die Türkei ist zum ersten Mal in ihrer Geschichte in den Bürgerkrieg eines Nachbarstaates verwickelt. Die Unterstützung der Kurden im Irak hat zu einem Totalausfall der Handelsbeziehungen mit dem Rest des Landes geführt. Mit den abgeschlossenen Grenzen zu Syrien und dem Irak hat die Türkei außerdem den Zugang zum Mittleren Osten verloren.

Für Ankara ist die schlimmste Situation eingetreten, die sich die Auslandsstrategen der Regierung hätten vorstellen können. Der Versuch sich von der westlichen Staatengemeinschaft abzuwenden und den Fokus auf den Nahen Osten zu legen hat mit 49 Geiseln in Mosul, einer fast offenen Grenzen in Richtung Syrien und Irak und einem weitgehenden Verlust alter Verbündeter und Märkte geendet. Der Bruch mit der alten Regel keine Konflikte mit Nachbarn zu haben, sollte der Regierung Erdoğan Einfluss garantieren, nun hat die Türkei gleich mehrere Flächenbrände vor der Tür. Als Transitland für viele europäische Terroristen hat die Türkei eine Schlüsselrolle für die Sicherheit des Westens.

Bruch mit alten Paradigmen

Die Außenpolitik der vergangenen Jahre steht im Kontrast zu dem, was über Jahrzehnte in Diplomatenkreisen gefördert wurde. Mustafa Kemal Atatürk hatte dem Land Anfang des letzten Jahrhunderts sehr abrupt eine westliche Orientierung verordnet. Was damals Zwangscharakter hatte, trug außenpolitisch Früchte. Die Türkei wurde seit vielen Jahrzehnten in keinen bewaffneten Konflikt verwickelt. Weiterhin konnte man sich Absatzmärkte für türkische Waren nahezu im ganzen Nahen Osten von Jordanien, bis zum persischen Golf erschließen (mehr hier). Der Irak wurde zum wichtigsten Handelspartner und Israel zumindest zeitweise zu einem politischen Partner. Nicht zuletzt der Westanbindung und deren Investoren ist ein Teil des heutigen Immobilienbooms zu verdanken (mehr hier). Mit vielen dieser außenpolitischen Paradigmen wurde gebrochen. Der Einfluss im Nahen und Mittleren Osten wollte die türkische Spitze gestärkt sehen, so das Wallstreet Journal. Die Folgen sind unübersehbar. Man weiß weder wie lange der Konflikt in Syrien anhalten wird, noch welche Folgen das Auftreten der IS im Irak hat.

Konflikte an den fast allen Außengrenzen

Auch wenn die Regierung in Ankara diese Vorfälle dementiert, ist es ein offenes Geheimnis, dass gemäßigte syrische Rebellen das türkische Grenzland als Rückzugsort für ihre Operationen nutzen. Die Öffnung der Grenzen bot der türkischen Regierung eine Rolle in dem Konflikt einzunehmen, ohne sich an Kriegshandlungen selbst zu beteiligen, so Bloomberg. So konnte man Rebellen bewaffnen und ausbilden, ohne in Verbindung mit den Gefechten in Syrien zu stehen. Die Folgen machen sich durch eine unsichere Grenzlage und illegale Machenschaften der Terrororganisationen im eigenen Land bemerkbar (mehr hier). Die IS refinanziert sich ungestraft im türkischen Grenzland.

Das Assad-Regime dauert noch an und biedert sich dem Westen als Verbündeter gegen die IS- Terroristen an. Damit ist die Syrien-Politik der Türkei gescheitert. Gleichzeitig arbeitet auch der Iran intensiver mit der USA zusammen, was den Einfluss der Türkei deutlich schwächt (mehr hier). Indem man weiterhin die Kurden im Irak unterstützte, so WSJ, verlor man zunehmend den Draht zur irakischen Führung und somit auch zu dessen wichtigen Märkten.

So auch die Provinz Gaziantep. Hier entstand ein großer Umschlagplatz für türkische Waren. Diese sind für den Libanon, Jordanien und den Persischen Golf bestimmt. Der Warenstrom in diese Regionen ist durch die IS im Irak und den Bürgerkrieg in Syrien weitestgehend abgeschnitten. Einen Monat nachdem die IS Mosul und weitere irakische Städte überrannte, seien die Exporte der Provinz Gaziantep um 48 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gefallen, sagte ein Vertreter der Handelskammer in Gaziantep Bloomberg.

Auch die Unterstützung der Muslimbruderschaft in Ägypten und ihrer Ableger in anderen Nordafrikanischer Staaten hatte zu Problemen verführt.  Deren Unterstützung aus Ankara, verstimmte die Regierung Saudi Arabiens, das gegen die Bruderschaft arbeite, so WSJ. Aufgrund der Unterstützung sind die Beziehungen zu der nachfolgenden Regierung des nachfolgenden Generals Al-Sisi nachhaltig gestört.

Die Türkei muss ihre Außenpolitik neu überdenken. Ein Schlüssel könnte ihre strategisch günstige Lage für den Westen sein. Denn für dessen Sicherheit nimmt das Land eine Schlüsselposition ein (mehr hier).

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