Yildiz weist Kritik an türkischen AKW-Plänen zurück: Deutschland, Frankreich und Japan sind viel leichtsinniger

Der türkische Energieminister Taner Yildiz lässt internationale Kritik an den türkischen Kernkraft-Plänen nicht gelten. Die Türkei sei nicht weniger mutig als andere Länder, die Kernkraftwerke hätten. Andere Standorte seien seiner Ansicht nach weitaus gefährlicher als der in Mersin.

Die türkische Regierung zeigt sich von den Bedenken ihrer Bürger gegenüber der Kernkraft völlig unbeeindruckt. (Screenshot YouTube)

Die türkische Regierung zeigt sich von den Bedenken ihrer Bürger gegenüber der Kernkraft völlig unbeeindruckt. (Screenshot YouTube)

Mitte April wurden die türkischen Atomkraftwerke real. Mit dem Baubeginn in Mersin wurde das erste von bislang drei geplanten Atomkraftwerken im Land umgesetzt. Umweltschützer begleiteten den Spatenstich mit Protesten. Die Polizei rückte mit Wasserwerfern an. Der türkische Energieminister Taner Yildiz zeigt sich davon allerdings unbeeindruckt.

«Ohne Kernenergie kann ein Land sich nicht fortentwickeln», sagte Energieminister Taner Yildiz bereits während der Zeremonie zum Spatenstich. Jetzt legt er noch einmal nach. «Wir sind nicht weniger mutig als Amerika oder Deutschland, Japan und Frankreich. Warum sollten wir Angst haben?», zitiert die türkische Zeitung Hürriyet den Minister. Weltweit gebe es 442 Kernkraftwerke. Während andere ihre Kernkraftwerk 90 Kilometer von Paris entfernt bzw. 70 km von Madrid entfernt bauen, hätten die Touristen dort keine Angst. Warum sollten die Touristen diese also in der Türkei haben? Warum haben die dort keine Bedenken?, fragt Yildiz.

Die Anlage in der Provinz Mersin ist die erste von drei geplanten Atomkraftwerken und soll Medienberichten zufolge mehr als 20 Milliarden Euro kosten. Die türkische Regierung möchte mit dieser Initiative Energie-Importe reduzieren. Sie hat den russischen Staatsbetrieb Rosatom beauftragt, das Akw gemeinsam mit einer türkischen Firma zu bauen. Es soll im Jahr 2020 fertig sein und dann 1200 Megawatt Strom produzieren können. Der Spatenstich wurde von massiven Protesten begleitet.

Was solch ein Unterfangen in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet bedeutet, das scheint Ankara bewusst beseite zu schieben. Ankara konzentriert sich hingegen auf den vermeintlichen Nutzen der Kernenergie, ließ aber bei der Planung des Projekts zahlreiche Bedenken unter den Tisch fallen. Der geplante Atomkomplex in der Provinz Mersin liegt in einem erdbebengefährdeten Gebiet. Erst im Mai des vorherigen Jahres hatte ein Erdbeben der Stärke 6,9 mehr als 250 Menschen verletzt. Die Türkei liegt in der Nähe der Stelle, an der die afrikanische, die arabische und die eurasische Erdplatte zusammentreffen. Die tektonischen Brüche in Nord- und Ostanatolien machen die Türkei zu einem gefährlichen Gebiet. Das Erdbeben von Van im Jahr 2011 hatte dort tausende Todesopfer gefordert. Es steht zu befürchten, dass der Türkei in unabsehbarer Zeit weitere schwere Erdbeben drohen könnten (mehr hier).

Kritik an dem Projekt kam bis zuletzt auch von höchster Stelle. Der Verband türkischer Umweltingenieure bemängelte, dass die Entsorgungsfrage der aus Russland gelieferten Brennstäbe bislang ungeklärt sei, so berichtete 3sat. Das Kernkraftwerk soll nach seiner Vollendung vier Reaktorblöcke besitzen und insgesamt 4800 Megawatt Leistung an das Stromnetz liefern. Die dafür verwendeten Brennstäbe müssen nach ihrer Verwendung fünf bis zehn Jahre zwischengelagert werden, wofür noch jegliche Infrastruktur fehlt. Auch sei die Rücknahme der Brennstäbe durch Russland nicht gesichert, so der Sender. Die Ingenieure bemängelten weiterhin, dass das Umweltministerium den Bau des Kraftwerks für unbedenklich eingestuft hätte, ohne über die entsprechenden Experten dafür zu verfügen.

Und noch ein weiteres, drängendes Problem ist nach wie vor ungelöst: Erfahrene Fachkräfte hat die Türkei nicht. Bis zum jetzigen Zeitpunkt werden türkische Studenten unter größtem Zeitdruck in Russland ausgebildet. „Wenn die Türkei ein ordentlich entwickeltes Atomprogramm auf die Beine stellen und künftig vier Atomkraftwerke haben will, dann sollte die Türkei seine eigene nukleare Bildung entwickeln“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Rauf Kasumov, stellvertretender Generaldirektor von „Akkuyu NGS Elektrik Üretim A.Ş.” (mehr hier).

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