Türkei-Wahlen: Regierungspartei greift zur Kopftuch-Keule

Die türkische Regierungs-Partei AKP hat einen Wahlwerbe-Spot veröffentlicht, in dem eine Kopftuch tragende Dame erzählt, wie sehr sie unter den Vorgänger-Regierungen unterdrückt wurde. Ihr sei es nicht gestattet gewesen, eine Hochschule zu besuchen und die Professoren hätten versucht, ihr eine andere Lebensweise aufzuzwingen. Doch diese Zeit sei nun vorbei, weil die AKP die Regierung stellt.

Die Regierungs-Partei AKP hat im Verlauf des Vorwahlkampfs ein Werbevideo veröffentlicht, worin sie ein weinendes junge Dame mit Kopftuch zeigt. Die Dame berichtet, dass es ihr unmöglich gewesen sei, vor der AKP-Ära mit ihrem Kopftuch die Universität zu besuchen, was der Wahrheit entspricht. Sie sei in dunkle Hinterzimmer verschleppt worden, in denen ihr die Professoren das Tragen ihres Kopftuchs psychologisch austreiben wollten. Doch die AKP-Regierung habe diese Hindernisse aus dem Weg geräumt und sie sei nun glücklich, ihren Abschluss gemacht zu haben.

Tatsächlich hat die AKP die Hochschullandschaft in der Türkei liberalisiert. Doch sie nutzte das vergangene Jahrzehnt, um Posten an den Hochschulen und in weiteren öffentlichen Institutionen ganz gezielt mit ihren Gefolgsleuten zu besetzen. Viele türkische Bürger haben mittlerweile den Eindruck, dass die AKP eine geheime politisch-religiöse Agenda verfolgt, um sich auf unabsehbare Zeit zu etablieren und „Konkurrenten“ auszuschalten. Außerdem gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Tragen eines Kopftuchs und der Partei-Zugehörigkeit, da praktizierende Frauen verschiedene Parteien unterstützen.

Im März entbrannte eine Diskussion über den Bau von Moscheen auf den Grundstücken von Universitäten. Damals gab Mehmet Karaca, Rektor der Technischen Universität Istanbul (İTÜ), bekannt, dass auf dem Gelände seiner Hochschule eine große Moschee entstehen solle. Den Bau rechtfertigte Karaca mit einer „großen Nachfrage“ und verwies auf eine einschlägige Petition auf change.org, die mehr als 185.000 Menschen unterzeichnet hatten.

Die positive Reaktion des Istanbuler Uni-Rektors auf eine Online-Kampagne habe darauf hin Studenten anderer Hochschulen und anderer Glaubensrichtungen ermutigt, so die türkische Zeitung Hürriyet. Mittlerweile seien einige satirische Kampagnen gestartet worden, um den derzeit herrschenden religiösen Populismus aufzuzeigen. Hier werde Geld in die Hand genommen, obwohl den Bildungseinrichtungen wissenschaftliche Instrumente und Forschungsmittel fehlten.

So wird etwa in einer der Gegenkampagnen auf change.org von mehr als 25.000 Menschen ein buddhistischer Tempel auf dem İTÜ-Gelände gefordert.

Die türkische Studentenschaft – egal, ob religiös, säkular oder atheistisch geprägt – erhofft sich mehrheitlich ein Hochschulsystem, in dem die Leistung und nicht die Zugehörigkeit zu einer politischen Seilschaft zählt. Bisher waren alle Parteien unfähig, den Ansprüchen der jungen und dynamischen Bevölkerung des Landes gerecht zu werden.

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