Deutschland ist aufgeschmissen: Alterndes Land sucht junge Zuwanderer

Die Alterung der Gesellschaft schreitet unaufhaltsam voran. Fachleute sind sich einig, dass die Republik ohne Zuwanderer aufgeschmissen ist. Nur sei das in den Köpfen der Menschen noch nicht ausreichend angekommen, klagen sie. Was wird aus dem neuen Einwanderungsland?

Heute ist jeder Fünfte 65 Jahre oder älter, 2060 wird es jeder Dritte sein. (Foto: Flickr/ Morning coffee by lars erik skrefsrud CC BY 2.0)

Heute ist jeder Fünfte 65 Jahre oder älter, 2060 wird es jeder Dritte sein. (Foto: Flickr/ Morning coffee by lars erik skrefsrud CC BY 2.0)

Die Deutschen werden immer älter und immer weniger. Mehr als 80 Millionen Menschen leben heute in der Bundesrepublik. 2060 werden es nur noch etwa 67 bis 73 Millionen sein – je nachdem, wie viele Zuwanderer bis dahin ins Land kommen. Das hat das Statistische Bundesamt berechnet. Heute ist jeder Fünfte 65 Jahre oder älter, 2060 wird es jeder Dritte sein. Die Zahl der Menschen über 80 wird sich bis dahin verdoppeln. Die Gruppe, die arbeitet und in die Renten- und Sozialkassen einzahlt, wird dagegen unaufhörlich kleiner.

Demografischer Wandel heißt das im Behördendeutsch. Im Alltag bedeutet das: Dem Renten- und dem Gesundheitssystem stehen schwere Belastungen bevor. Immer weniger Arbeitende müssen immer mehr Rentner finanzieren, immer weniger Junge für immer mehr Pflegebedürftige aufkommen. Der Arbeitsmarkt steuert auf einen großen Mangel an Fachkräften zu. In ländlichen Regionen wird es leerer. Junge Leute ziehen weg. In Teilen der Republik müssen Schulen und Kitas schließen, Supermärkte, Bankfilialen, Post und Bürgerämter machen dicht, Arztpraxen ebenso. So sieht das düstere Szenario aus.

«Die demografische Entwicklung ist wie eine Krankheit», sagt der Bochumer Soziologe Ludger Pries. Deutschland werde die Alterung der Gesellschaft auf dramatische Weise zu spüren bekommen. Das Land sei dringend auf Zuwanderer angewiesen, um gegenzusteuern. Aber selbst hier gebe es Grenzen, mahnt er. Auch wenn die Bundesrepublik in den nächsten Jahren kontinuierlich eine jährliche Nettozuwanderung von 200 000 Menschen erreiche – ausschließlich bezogen auf Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren – werde die arbeitstaugliche Bevölkerung bis 2050 trotzdem um zehn Millionen schrumpfen.

Die Folge sind nach Einschätzung des Wirtschaftsforschers Thomas Bauer längere Arbeitszeiten und geringere Renten. Zudem müssten Frauen noch stärker in den Arbeitsmarkt integriert werden – und zusätzliche Einwanderer. Migranten allein könnten die Probleme zwar nicht lösen, sagt Bauer. Sie seien aber ein ganz wesentlicher Faktor, um mit den Herausforderungen fertig zu werden.

Die Zuwanderung nach Deutschland ist bereits auf dem höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die Bundesrepublik ist eines der beliebtesten Einwanderungsländer weltweit und liegt inzwischen an zweiter Stelle hinter den USA. Der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften ist allerdings übergroß. Bislang kommen die meisten Zuwanderer aus EU-Staaten. Doch viele von ihnen werden allen Voraussagen nach nicht dauerhaft bleiben, sondern in ihre Heimat zurückkehren, sobald sich die wirtschaftliche Lage dort bessert. Das heißt, Deutschland braucht auf lange Sicht mehr – und andere – Zuwanderer, um gegen die demografische Entwicklung anzukommen.

Pries und Bauer sitzen im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Die Expertenrunde hat sich angeschaut, wie Deutschland im Vergleich mit anderen klassischen Einwanderungsländern abschneidet. Das Ergebnis: Die Bundesrepublik hat aufgeholt, ist in Sachen Einwanderungspolitik besser als ihr Ruf. Aber es gebe noch viel zu tun: Deutschland müsse im Ausland gezielter um Menschen werben – und vor allem den Menschen im Inland klarmachen, dass Zuwanderung dringend nötig sei, um den Wohlstand zu halten.

Die Attraktivität als Einwanderungsland hänge sehr vom gesellschaftlichen Klima ab, sagt die Vorsitzende des Sachverständigenrats, Christine Langenfeld. Aber genau an dieser Stelle hakt es: Da sind Menschen, die in Dresden und anderswo gegen eine angebliche «Überfremdung» der Gesellschaft auf die Straße gehen. Da sind verbreitete Ressentiments gegen Ausländer, zunehmende Proteste gegen Flüchtlinge und Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte. «Brennende Asylheime sind ein verheerendes Signal», mahnt Langenfeld.

Die Zuwanderung werde Deutschland verändern, sagt sie. Darüber müsse die Gesellschaft offen reden. Die Politik müsse den Menschen aber deutlich machen, dass Zuwanderung wegen der Alterung der Gesellschaft eine Chance und eine absolute Notwendigkeit sei.

«Ihre Renten werden von Einwanderern bezahlt und von sonst niemandem», sagt der Wissenschaftler Wilfried Bos, der ebenfalls im Sachverständigenrat sitzt, an die Adresse der Bevölkerung. Das gelte ausnahmslos. «Auch die Rente von denen in Dresden wird von Einwanderern bezahlt.»

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