Erdoğan schaut weg: 2015 bereits 351 türkische Arbeiter gestorben

Das Leben türkischer Arbeiter ist massiv gefährdet. Im ersten Quartal 2015 sind bereits mehrere Hundert Tote zu beklagen. Eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. Weder Arbeitgeber noch der Staat kommen ihrer Verantwortung nach.

Immer wieder kommt es in der Türkei zu dramatischen Arbeitsunfällen. (Foto: Flickr/ Self portrait by MattysFlicks CC BY 2.0)

Immer wieder kommt es in der Türkei zu dramatischen Arbeitsunfällen. (Foto: Flickr/ Self portrait by MattysFlicks CC BY 2.0)

Allein im März dieses Jahres verstarben in der Türkei mindestens 139 Menschen am Arbeitsplatz. Insgesamt sind 2015 bereits 351 Todesopfer zu beklagen. Zu den häufigsten Gefahren gehören Verkehrsunfälle, Verletzungen bei Zerkleinerungszwischenfällen, Stürze, Erstickungen und Vergiftungen. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Vereinigung für Arbeitsschutz und Arbeitergesundheit (İşçi Sağlığı ve İş Güvenliği Meclisi) hervor.

Der Report macht für die desolate Situation der türkischen Arbeitnehmer zwei Seiten verantwortlich. Zum einen würden es viele Unternehmen versäumen, sich um die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu kümmern. Auf der anderen Seite verhalte sich der Staat fahrlässig.

Während die Arbeitgeber das Thema Arbeitssicherheit unter dem Vorwand vernachlässigen, dass die notwendigen Vorkehrungen die Kosten erhöhen würden, vernachlässigt der Staat seine Pflicht, diese Einrichtungen zu inspizieren“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet aus dem Bericht.

Besonders tragisch: Unter den 139 Arbeitern, die März 2015 starben, waren offenbar auch vier Kinderarbeiter.Vier Kinderarbeiter starben in diesem Monat. Aber weder ihre Namen noch ihr präzises Alter wurden öffentlich gemacht“, heißt es weiter. Bei den Kindern soll es sich um saisonale Landarbeiter syrischer Herkunft gehandelt haben. Daneben sollen allein im März 16 Wanderarbeiter ums Leben gekommen sein. Insgesamt starben seit Jahresanfang auch unter ihnen bereits 25 Personen.

Insgesamt hättender Vereinigung zufolge über 65 Prozent der Verstorbenen Arbeiter in der Landwirtschaft, im Bau und im Transport gearbeitet. In diesem Bereichen verloren jeweils 41, 35 und 17 Arbeiter ihr Leben.

Kritik an der Arbeitssituation wird von der türkischen Regierung allerdings rigoros unterdrückt. Eindrucksvoll zeigte sich die Haltung in Ankara zuletzt nach einem tödlichen Arbeitsunfall auf einer Baustelle in Istanbul mit mehreren Toten. Das Drama trieb in der Folge mehr als 1000 Menschen auf die Straße. Am Unfallort demonstrierten die Bürger gegen die schlechten Arbeitsbedingungen im Land. Die türkische Polizei beantwortete die Proteste mit Tränengas und Wasserwerfern (mehr hier).

Die Szenen ähnelten massiv den Vorgängen nach dem verheerenden Minenunglück von Soma Mitte Mai vergangenen Jahres. Damals kamen mehr als 300 Kumpel unter Tage ums Leben. Zehntausende gingen darauf hin in der Küstenmetropole Izmir auf die Straße, um den Opfern zu gedenken. Die Polizei reagierte auf die Massenproteste mehrmals mit massiver Gewalt und zerstreute die Mengen mit Tränengas und Wasserwerfern (mehr hier).

In die Pflicht will die Vereinigung für Arbeitsschutz und Arbeitergesundheit allerdings nicht nur Staat und Arbeitgeber nehmen. Auch die Arbeiterorganisationen seien hier gefragt. „Die Tatsache, dass sich die Todesfälle am Arbeitsplatz Jahr für Jahr erhöhen, zeigt, dass auch die Gewerkschaften keine konkreten Schritte im Kampf um die Sicherheit am Arbeitsplatz einleiten.“ Anstatt das Problem primär auf die Bildung zu schieben, sollten sich die Organisationen lieber zusammenschließen und gemeinsam um mehr Sicherheit am Arbeitsplatz bemühen.

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