Wirtschafts-Professor: „Die Türkei benötigt die EU nicht mehr“

Der Rektor der Universität der Türkischen Luftfahrtgesellschaft (THK), Professor Dr. Ünsal Ban, sagt, dass die Türkei die EU nicht mehr benötige. In seiner Argumentation stützt sich Ban auf handfeste Zahlen und Statistiken und vergleicht die Wirtschaftsleistung der EU mit der Türkei.

Die Türkei ist heute die 16. stärkste Wirtschaftsnation der Welt. Wäre das Land ein EU-Mitglied, hätte sie die sechs stärkste Wirtschaft in der Union. Zwar hätten die Beitrittsverhandlungen zur Demokratisierung beigetragen. Doch die Türkei habe viele EU-Länder wirtschaftlich und sozial längst abgehängt, sagt Ban. Wenn das Land dieses Tempo beibehalte, würde es in zehn Jahren unter den wirtschaftlich zehn stärksten Nationen sein.

Die EU trage 14,2 Prozent der Weltwirtschaftsleistung mit gerade einmal sieben bis acht Prozent der Weltbevölkerung (507 Mio.).

In den Jahren 1990 bis 2001 habe die Türkei ein geringes Wachstum gehabt. Hinzu kamen eine hohe Verschuldung, ungerechte Einkommensverteilung und eine hohe Inflation. Die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) kam 2001 an die Macht und führte wirtschaftliche Reformprogramme durch. Das Ergebnis war ein Wirtschaftswachstum von 5,3 Prozent im Jahr 2003; 9,4 Prozent Wachstum im Jahr 2004; 8,4 Prozent 2005 und 6,9 Prozent 2006.

Türkei weit unter den geforderten Maastricht-Kriterien

Die Türkei zähle zu den am schnellsten wachsenden Ländern weltweit, so Ban im Jahr 2014 im Interview mit Sabah. Betrug im Jahr 2001 das Pro-Kopf-Einkommen 3.000 Dollar, so erhöhte sich dieser Wert auf über 10.000 Dollar im Jahr 2012. Mit einer Schuldenquote von 36,2 Prozent liege die Türkei weit unter den geforderten Maastricht-Kriterien von 60 Prozent. „Wir wissen, dass einige EU-Mitglieder sich nicht an die Maastrichter Kriterien halten können.“

Im Vergleich zu vielen EU-Mitgliedern stehe die Türkei mit ihrem geringen Haushaltsdefizit von 1,1 Prozent sehr gut da. Zum Vergleich: Griechenland zwölf Prozent; Großbritannien zwölf Prozent; Polen zehn Prozent. Gleichzeitig habe sich die öffentliche Verschuldung dezimiert, während bei den europäischen Staaten eine Erhöhung zu beobachten sei.

In den 1990er Jahren musste die Türkei an den Finanzmärkten hohe Zinsen zahlen. Die Türkische Lira habe an Wert verloren und die Inflationsrate sei gestiegen. 2001 betrug die Inflationsrate 68,5 Prozent. 2004 wurde nach 34 Jahren zum ersten Mal eine einstellige Inflationsrate von 9,4 Prozent erreicht. 2010 betrug die Inflation 6,4 Prozent. 2012 nur noch 6,16 Prozent. Damit habe man die niedrigste Inflation seit 1968.

Im Hinblick auf die Jugendarbeitslosigkeit sagt Ban: „Wir haben wahrlich eine Situation, um die uns die Welt beneidet. Wir haben die EU überholt.“ Insbesondere der wirtschaftliche Halt und die Geldpolitik hätten dazu geführt. Die südlichen Länder der EU hätten eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent. Dabei sei die Jugendarbeitslosigkeit zu beachten: Griechenland 27,5 Prozent, Spanien 25,8 Prozent und Portugal 15,7 Prozent. Türkei stehe mit seinen derzeit 9,9 Prozent relativ gut da und entwickle sich auch in eine gute Richtung.

Der Anteil an der älteren Bevölkerung liege in Europa zwischen 23 und 24 Prozent. Dies hätte erhebliche Auswirkungen auf die sozialen Kassen. Dies werde in den kommenden Jahren umso stärker zu spüren sein. „Die Türkei hat in diesem Sinne sehr viel Glück. Diese Chance müssen wir sehr gut verwerten“, sagt Ban und verweist auf die Rede Erdoğans, in dem er drei Kinder pro Haushalt fordert.

EU-Beitritt bringt nur kurzfristigen Erfolg

Aufgrund dieser Zahlen kommt Ban zu dem Ergebnis, dass die Türkei die EU nicht mehr benötige (mehr hier). Er sagt, dass die Türkei ihre wirtschaftliche Stärke einbüße, wenn sie augenblicklich der EU beitrete. Länder, die der EU beitraten, hätten kurzfristige Erfolge erzielen können. Schaue man sich jedoch die mittel- und langfristigen Erfolge an, so blieben diese aus. „Europa hat zurzeit nur ein Zentrum für die Produktion, und das ist Deutschland“, sagt Ban weiter. Während viele Länder wackelten, wäre Deutschland stabil geblieben und habe sogar andere Länder retten müssen. Ban mahnt die Türkei zur Vorsicht. Zwar würde die Türkei die ersten Jahre von einem Beitritt profitieren. Doch könnte die Wirtschaft in den darauffolgenden Jahren einbrechen. „Aus diesem Grund müssen wir sehr vorsichtig sein“, sagt Ban.

War die EU für die Türkei das gelobte Land, so ist mittlerweile ein Abrücken von diesem Bild zu beobachten. Kritische Stimmen, die sich gegen die EU wenden, häufen sich in jüngster Zeit (mehr hier).

Abkehr von der EU schadet beiden

Die Zahlen, die Ban hier vorlegt, betreffen aber nur die Türkei und ihre Innenpolitik. Erst wenn man sie in einem größeren Kontext betrachtet, vervollständigt sich das Bild. Die Türkei hat zwar wirtschaftlich einen beachtlichen Wandel vorzuweisen. Doch allein aus dem Binnenmarkt ist das Wachstum nicht zu erklären. Die türkische Wirtschaft profitiert erheblich von der Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern. Da ist zum einen die Europäische  Zollunion zu nennen, was die Ausfuhrkosten senkt.

Weiter ist die Ein- und Ausfuhr von Waren aus der EU in den letzten Jahren jeweils gewachsen. Im Jahr 2012 erreichte das Einfuhrvolumen aus der EU einen Wert von 47,8 Mrd. Euro. Im Gegenzug wurden Waren im Wert von 75,2 Mrd. Euro nach Europa exportiert. Dies ergibt einen Saldo von 27,4 Mrd. Euro. Deutschlands Anteil an der Einfuhr ist übrigens auf 12,0 Mrd. Euro, und die Ausfuhr auf 20,1 Mrd. Euro zu beziffern. Einen großen Teil machen die deutschen Maschinen aus, was die türkische Wirtschaft am Leben hält.

39,8 Prozent der Ausführe im ersten Halbjahr 2013 gingen in die EU, Tendenz steigend. Deutschland investierte im Jahr 2011 insgesamt 7.483 Mrd. Euro in die Türkei. Angesichts dieser Zahlen kann man nicht sagen, wer wen benötigt oder nicht. Fakt ist, dass beide Seiten erheblich von der Zusammenarbeit profitieren. Und eine Abkehr der Zusammenarbeit beiden Schaden würde.

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