„Istanbul United“: Türkische Fankultur schon bald auf DVD

Ab 22. Mai ist der Dokumentarfilm „Istanbul United“ endlich auf DVD zu haben. Er erzählt die Geschichte der drei Istanbuler Fußballklubs, ihrer Fankultur und ihrer Rolle bei den Demonstrationen in Istanbul im Jahr 2013. Entstanden sind beeindruckende 87 Minuten, die einen tiefen Einblick in die Fanszene der Fußballvereine Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray liefern.

Im September 2014 begeisterte der Film in den deutschen Kinos. (Screenshot YouTube)

Im September 2014 begeisterte der Film in den deutschen Kinos. (Screenshot YouTube)

„Istanbul United“ katapultiert die Zuschauer zurück in den Sommer 2013. Während sich die türkische „Süper Lig“ dem Ende zuneigt, flammen in Istanbul die Proteste um den Gezi Park auf. Die drei großen Stadtvereine sind besonders durch ihre gegenseitige Abneigung verbunden. Während in Deutschland über das Verbot von Pyro-Artikeln diskutiert wird, ist die Stimmung in türkischen Fankurven ausgelassen.

Die türkische Ultraszene ist für ihre bedingungslose Hingabe weltweit bekannt. In ihren Stadien dominieren die Fangruppen Çarşı, Genç FB und ultrAslan das Geschehen. Diese Rivalität endet nicht selten in gewalttätigen Auseinandersetzungen, die zahlreiche Verletzte und auch Tote fordern. Während die Bilder der Ausschreitungen auf dem Taksim Platz sich mehren, geschieht etwas, das selbst Sportreporter im eigenen Land nicht für möglich gehalten hätten: Die Fangruppen greifen vereint in die Demonstrationen ein und spielen ihr erworbenes Wissen aus früheren Ausschreitungen mit den Sicherheitskräften aus.

Dabei versucht der Film von Olli Waldhauer und Farid Eslam stets die Rolle des Beobachters zu wahren. Während des gesamten Films kommen Vertreter der einzelnen Fangruppen zu Wort. Bevor sich der Dokumentarfilm mit den Protesten auseinandersetzt, liefert er lange Zeit Einblicke in das Fangeschehen. Die Ultrafans werden in allen Situationen begleitet. Sowohl im Stadion als auch am Arbeitsplatz oder mit Freunden – die Kamera ist immer dabei. Abgesehen von den Interviews wirkt nichts für die Kamera gestellt.

Dem Außensteheden wird die bedingungslose Liebe zum eigenen Fußballverein schwer nachvollziehbar erscheinen. Deswegen kommen in „Istanbul United“ Fans zur Sprache, die schon seit ihrer Jugend in den Fankurven stehen. Sie erklären, wie ihr Rivalitätsdenken selbst für sie oft nicht erklärbar erscheint. Im Kopf bleibt der Spruch eines Galatasaray-Anhängers, der im Interview bezogen auf andere Fußballvereine sagt: „Ich hasse sie. Warum? Ich weiß es nicht“. Der Film verzichtet dabei auf eine unnötige Glorifizierung der Fankultur oder der Gewalt, sondern zeigt die Fans als Menschen und ganz nah. Dabei liefert er Bilder von feiernden Fankurven, die selbst weniger Fußball- Begeisterten einen Schauer über den Rücken jagen, gerade weil sie völlig authentisch sind.

Der zweite Teil des Films widmet sich den Protesten im Gezi Park und auf dem Taksim Platz. Die Dokumentation besteht hier zu großen Teilen scheinbar aus Amateuraufnahmen, die fast unkommentiert bleiben. Das benötigen die Bilder aber auch nicht.

Anders als geschnittenes und hochauflösendes Bildmaterial wirken die gezeigten Szenen hautnah und zeigen Perspektiven, die in keinen Nachrichten zu sehen waren. Der Film versucht hier eine Brücke zwischen sozialen und politischen Inhalten und der ausführlich beschriebenen Fankultur des ersten Teils zu schlagen. Der Dokumentarfilm zeigt auf, dass es keines großen Gründungszeremoniells bedurfte, um die Fans der drei Klubs auf die Straße zu bringen und soziale Verantwortung zu übernehmen. Egal ob beim Barrikadenbau, der medizinischen Versorgung oder in der ersten Reihe der Demonstrationen, die Fans sind überall dabei.

„Istanbul United“ hat es verdient gesehen zu werden, da er tiefe Einblicke in die türkische Fanszene liefert ohne Klischees zu bedienen oder eine Gruppe zu bevorzugen. Dabei verliert er weder die Proteste noch den Fußball aus den Augen. „Istanbul United“ zeichnet ein Gesamtbild der Gezi Proteste und ihrer Akteure. Dabei zeigt er Filmmaterial, das so packend ist, gerade weil es streckenweise keine aufpolierten und computeranimierten Bilder sind. Aber das hat der Film auch gar nicht nötig.

Zum Film: http://www.istanbulunitedthemovie.com/

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