Türkische Filmindustrie: Frauen-Dramen verkaufen sich besser

Was ist das Geheimnis des Erfolges? Nun, zumindest für türkische TV-Serien gilt: Sie müssen vor allem die Frauen ansprechen. Das ist das Fazit einer Zusammenkunft von Film- und TV-Produzenten, die vor einiger Zeit im Ausschuss für Chancengleichheit des türkischen Parlaments stattfand.

“Wir haben Sorgen mit der Einschaltquote. Wir müssen die Frauen unbedingt als erstes ansprechen”, so Mithat Topaç von Ay Productions während einer Sitzung des Unterausschusses des Ausschusses für Chancengleichheit unter der Leitung der AKP-Abgeordneten Zeynep Karahan Uslu im Jahr 2012. “Wenn uns das gelingt, dann kann man eine TV-Serie fortsetzen.”

Türkische Gesellschaft: Rolle der Frau hat sich gewandelt

Viele Produktionsfirmen scheuten sich davor Krimi-Serien in Angriff zu nehmen, weil sie fürchteten, diese nicht verkaufen zu können, so der Sprecher von Focus Film, Mehmet Erişti. Man habe die Themen, die Frauen besonders interessieren, untersucht und festgestellt, dass sich Frauen sicherer fühlen würden, wenn sie die Geschichten anderer Frauen auch im Fernsehen zu sehen bekämen (eine türkische Ärztin in den USA nutzt das sogar als Therapeutikum bei misshandelten Frauen – mehr hier). Mittlerweile habe sich die Rolle der Frau in der Türkei stark gewandelt. Gut 31 Prozent der Managerinnen seien heute Frauen, so die Abgeordnete Uslu weiter. Jetzt müsse der Ausschuss also darüber sprechen, wie sich dieser soziale Wandel in den türkischen TV-Serien niederschlagen könne.

Gewalt existiere im täglichen Leben, so die AKP-Frau. Doch es sei wichtig zu zeigen, dass man sie in TV-Produktionen und Filmen mit einem ganz bestimmten Ziel zeige (seit 2009 werden in der Türkei besonders sexistische Filme sogar mit dem Golden Okra Award abgestraft – mehr hier). “Was man in den Serien zum Beispiel nicht sieht, ist ein Mann, der per einstweiliger Verfügung seinem Haus fern bleiben muss”, so die Politikerin, die annmerkt, dass auch Vergewaltigungsszenen durchaus ästhetischer gestaltet werden könnten (Zwangsheirat wird in einer türkischen Serie bereits thematisiert – mehr hier).

Zu langweilig: Keine tiefschürfende Behandlung von Problemen

Nach Recherchen des Ausschusses kommen in den acht untersuchten beliebtesten türkischen TV-Serien auf einen arbeitslosen Mann immer noch neun arbeitslose Frauen (“Das prächtige Jahrhundert” gilt als beliebteste Serie 2011 – mehr hier). Laut Nuran Kuran von der Erler Film Company seien die meisten Drehbuchautoren in ihrem Unternehmen weiblich und damit als positive Beispiele in der gesellschaftlichen Entwicklung hervorzuheben. “Man kann allerdings nicht zu tief in die Probleme der Frauen einsteigen, da sich das Publikum sonst langweilt”, stellt sie auf der anderen Seite fest (eingebaut sind aber bereits die Sozialen Medien für völliges Entertainment – mehr hier) und betont, dass in ihren Produktionen niemals eine Diskriminierung auf Grund von Sprache, Religion oder Geschlecht stattgefunden hätte.

Für Kuran haben die türkischen TV-Serien jedoch einen ganz wesentlichen Beitrag zum Arabischen Frühling geleistet (sie werden in mehr als 20 Ländern verfolgt und als diplomatische Kraft angesehen – mehr hier). “Der Inhaber von Erler Film, Türker İnanoğlu, hatte vor eineinhalb Jahren einen ägyptischen Gast. ‘Der Grund für den Arabischen Frühling ist vor allem auf eure TV-Serien zurückzuführen. Sie sehen, dass dort Demokratie herrscht und in der Türkei alles sehr schön ist. Und sie fingen an darüber nachzudenken’ Warum sind wir so?”.”

TV-Serie “Fatmagül’ün Suçu Ne?” als Therapeutikum?

Eine ähnliche Situation wie bei Erler herrsche auch bei Ay Productions. Dort seien drei von vier Drehbuchautoren Frauen. Auch zwei der vier Direktoren seien weiblich, schildert Topaç die Personalsituation. Die Serie “Fatmagül’ün Suçu Ne?” hätte vor allem wegen seiner berühmten Vergewaltigungsszene viele Reaktionen geerntet. “Doch dann sieht man, wie ein solches Vergewaltigungsopfer ins Leben zurückkehrt.” (diese Serie kommt auch in den USA zum Einsatz, um genau diese Entwicklung aufzuzeigen – mehr hier).

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