Warum türkische Wahlen in Köln entschieden werden könnten

Am 7. Juni wird in der Türkei ein neues Parlament gewählt. Weit weg? Keineswegs. Denn Köln spielt eine Schlüsselrolle. Eine Spurensuche in der Domstadt.

Bereits 2014 wurde Erdoğan in Köln euphorisch empfangen. (Screenshot YouTube)

Bereits 2014 wurde Erdoğan in Köln euphorisch empfangen. (Screenshot YouTube)

Zwischen der türkischen Hauptstadt Ankara und der deutschen Rhein-Metropole Köln liegen ziemlich genau 2343 Kilometer Luftlinie. Man mag vielleicht zunächst nicht glauben, dass Köln für die türkische Politik irgendeine Relevanz hat. Doch in der Stadt haben viele türkische Parteien, Verbände und Organisationen ihren Sitz. Sie alle werben um die Stimmen der knapp 500 000 Wahlberechtigten in Nordrhein-Westfalen, die seit Freitag (8. Mai) wählen dürfen. Doch die Bedeutung der Stadt geht weit über NRW hinaus.

Harun Tüfekci (43), ein strenger Mann mit Schnäuzer und Halbglatze, sitzt am Schreibtisch seines karg eingerichteten Büros in bester Innenstadtlage. Hinter ihm hängt eine mannshohe Deutschlandkarte. Diese Räume in der dritten Etage sind die Schaltzentrale des AKP-Wahlkampfes außerhalb der Türkei. Und Tüfekci, der schon dreimal für die türkische Regierungspartei im Parlament saß, leitet diese Zentrale. «Wenn man in der Türkei über Deutschland spricht», lässt er sich von seiner Assistentin übersetzen, «kommt jedem sofort Köln in den Sinn». Fast jeder habe hier Verwandte.

Dabei sind nicht nur politische Parteien in Köln aktiv, sondern auch unzählige Vereine und Verbände, so die dpa. Die Ditib zum Beispiel, eine Art Dachverband muslimischer Gemeinden, hat ihren Sitz in Köln. Ebenso die AKP-nahe «Union Europäisch-Türkischer Demokraten» oder der Zentralrat der Muslime in Deutschland mit dem Vorsitzenden Aiman Mazyek. Aber warum, Herr Mazyek, sind denn nun all diese Verbände ausgerechnet hier in Köln? «Wenn Sie eine Bank eröffnen wollen, machen Sie das auch in Frankfurt am Main und nicht in Hamburg», sagt er. In Köln lebten ganz einfach besonders viele Türken. Eine Folge der Beschäftigungspolitik von Ford, sagt Mazyek.

Als in den 60er Jahren die erste Gastarbeiter-Generation nach Deutschland kam, waren die Ford-Werke einer der ganz großen Arbeitgeber, Köln ein wichtiger Industriestandort. Das wirke bis heute nach, sagt Haci-Halil Uslucan, Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien. Zudem sei Köln im Gegensatz zu Berlin mit dessen «Insellage» auch geografisch gut gelegen, ein Ort, von dem aus viele Nachbarländer erreichbar sind.

Tüfekci weiß es ganz genau: «80 Prozent der ausländischen Wähler leben in diesen sechs Ländern: Deutschland, Frankreich, Holland, Belgien, Österreich und Schweiz.» Deshalb habe die AKP genau hier ihr Büro. «Uns geht es darum, eine Beziehung zwischen den Wählern und der Wahl herzustellen.»

Diese Beziehung ist tatsächlich nicht besonders eng. Rund drei Millionen Wahlberechtigte leben außerhalb der Türkei, knapp die Hälfte in Deutschland. Vom 8. bis zum 31. Mai dürfen sie bundesweit an allen 13 Generalkonsulaten ihre Stimme abgeben. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 hat das allerdings nicht einmal jeder zehnte Türke im Ausland getan – brachliegendes Potenzial also. Von Köln aus soll es genutzt werden.

Auf der anderen Rheinseite, im Stadtteil Mülheim, geht man dieses Projekt etwas hemdsärmeliger, aber auch euphorischer an. Hier, unweit der Keupstraße, die im Kölner Volksmund «Klein Istanbul» heißt und auf der 2004 der NSU-Terror wütete, sitzt Hüsnü Şahin. Die sozialdemokratische CHP hat hier vor einigen Wochen ein Büro eröffnet, Şahin leitet es.

Es sind die ersten öffentlichen CHP-Räume in NRW. Hier spricht man in Sachen Wahlkampf nicht von Europa, sondern von «Köln und Umgebung». Rund 10 000 Flyer habe man bereits verteilt, auf Marktplätzen, an Haustüren und bei Ford. Arbeit wie diese habe man zuletzt versäumt und der AKP das Feld überlassen.

Die war bei der Präsidentschaftswahl 2014 vor allem in NRW populär. Während in Berlin gerade mal 54 Prozent für Erdoğan stimmten, seien es in Düsseldorf 74 Prozent und in Essen gar 79 Prozent gewesen, erklärt Uslucan, der Leiter des Zentrums für Türkeistudien. «Als Gastarbeiter wurden früher größtenteils Menschen aus der Unterschicht und provinziellen Regionen rekrutiert. Diese entsprechen der AKP-Klientel und ihrer Nähe zu theologischen Inhalten.»

Wem es also gelingt, die ausländischen Wahlberechtigten – immerhin mehr als fünf Prozent alle Wähler – zu mobilisieren, kann die Wahlen womöglich für sich entscheiden. Köln spielt dabei eine Schlüsselrolle.

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