Alarmierte Gesellschaft: TV-Serien zerstören türkische Ehen

Statt vor den Traualter zu treten, zieht es mehr und mehr türkische Ehepaare vor den Scheidungsrichter. Binnen der vergangenen Jahre stieg der Anteil der gescheiterten Verbindungen um gut 30 Prozent. Dafür verantwortlich soll hauptsächlich das TV-Programm sein.

Über die Gründe für diese Entwicklung scheiden sich die Geister. (Foto: Flickr/ Conversation by Sharon Mollerus CC BY 2.0)

Über die Gründe für diese Entwicklung scheiden sich die Geister. (Foto: Flickr/ Conversation by Sharon Mollerus CC BY 2.0)

Die Zahl der Hochzeiten sinkt, die jungen Männer und Frauen werden im Durchschnitt immer älter und die Zahl der Scheidungen steigt am Ende. In den vergangenen Jahren ging auch in der Türkei die Schere zwischen Eheglück und Trennungsdrama immer weiter auseinander. Rund 30,668 Prozent mehr Trennungen gab es seit 2005. Im Jahr 2005 gab es insgesamt 95.895 Scheidungen. 2013 erreichten die Scheidungen einen Stand von 125.305, berichtet das Türkische Statistikamt.

Zwar spricht von religiöser Seite nichts dagegen, alarmiert sind sowohl konservative als säkulare Kreise aber dennoch.

Über die Gründe für diese Entwicklung scheiden sich die Geister. Konservative Türken machen etwa die wachsende Zahl berufstätiger Frauen dafür verantwortlich. Die gegnerische Seite sieht die Schuld vor allem in religiösen Kreisen, in denen nach wie vor die verbreitete Praxis herrscht, Ehen für ihre Kinder durch die Eltern arrangieren zu lassen, so der Deutschlandfunk. Andere versuchen die Frauen allein für den Trend zur Rechenschaft zu ziehen. Dank des TV-Programms würden sie heute – anders als noch ihre Mütter – nicht mehr alles hinnehmen. Für sie sind die türkischen Serien mit ihren Themen wie Liebeskummer, One-Night-Stands oder Ehebruch ein regelrechter „Ehekiller“.

So ist zum Beispiel für den Theologieprofessor Abdülkerim Bahadir klar: Diese Formate haben Schuld am Verfall der Gesellschaft. Unmoralisches oder illegales Handeln werde hier seiner Ansicht nach als etwas völlig Normales dargestellt. Das TV-Publikum nehme das als Vorbild und glaube, dass das nun auch für sie selbst in Ordnung wäre. Er warnt: „(…) sie zerstören die türkischen Familienstrukturen.“ Eine Argumentation, die die Regisseurin Nina-Maria Paschalidou in ihrem Film „Kismet“ ebenfalls aufgreift, jedoch genau gegenteilig anbringt. Sie erklärt den länderübergreifenden Erfolg türkischer TV-Serien nämlich so (mehr hier):

„Soap Operas sprechen auf eine sehr einfache und direkte Weise zu den Frauen. Sie gelangen auf eine Art in die Wohnungen, wie es sonst niemand kann. „Sie sehen eine Frau wie sie selbst eine sind. Eine, die Muslimin ist, die religiös ist, die traditionell ist, aber auf der anderen Seite modern. Ich denke, das ist genau das, was sie sein wollen, wonach sie streben. (…) Sie träumen nicht von einem vollkommenen, romantischen Kerl. Sie träumen von einem selbstbestimmten Leben und zwar in jeder erdenklichen Weise. (…) Es gibt ein verbindendes Thema – sie wollen ein respektvolles Leben haben und in der Lage sein, das zu tun, was sie wollen.“

Mehmet Erdogan von der theologischen Fakultät der Istanbuler Marmara Universität betrachtet diese sehr individuelle Sichtweise mit Sorge. Zwar spricht aus theologischer Sicht nichts gegen eine Scheidung und erneute Heirat. Aber:

In der modernen Sichtweise gilt eine Person als völlig unabhängig von ihrem Partner. Ganz so, als wären Eheleute nicht zwei Hälften desselben Apfels, sondern zwei ganz unterschiedliche Äpfel an einem Baum. Aber schon unser Prophet sagte: Frauen sind eure andere Hälfte. Unverheiratete Menschen gelten uns deswegen als unvollständig

zitiert ihn der Deutschlandfunk. Die türkische Regierung ist mittlerweile ebenfalls alarmiert und will mit staatlich verordneten Ehekursen entgegenwirken. Wie im November 2013 bekannt wurde, sollen scheidungswillige Ehepaare in der Türkei auf Geheiß des Ministeriums für Familie und Soziales künftig einen letzten Versuch starten, ihre Beziehung zu retten. Mit Hilfe einer psychologischen Beratung hofft die türkische Regierung offenbar das Blatt in einigen Fällen noch einmal wenden zu können (mehr hier).

Angesprochen werden alle Ehepaare, die bereits vor Gericht wegen einer Scheidung vorstellig geworden sind. Im Zuge des neuen Projekts sollen ihnen darauf hin vier Sitzungen bei einem Psychologen angeraten werden, um dort noch einmal ihre Probleme zu besprechen. „Nach vier Sitzungen werden dann die Ehepaare entscheiden [,ob sie die Unterstützung fortsetzen]“, zitierte die Zeitung Hürriyet die türkische Familienministerin Fatma Şahin. Falls das Paar weitergehende Unterstützung und Beratung benötige, würde man auch hier mit verschiedenen Maßnahmen zur Seite stehen. „Wir werden den Prozess genau beobachten. Wenn die Paare sich dafür [die Ehe] entscheiden (…), dann käme das uns allen zugute.“

Einer Scheidung entgegenwirken will das Ministerium außerdem mit einem vorehelichen Lehrgang für Brautpaare, aber auch mit einer entsprechenden Broschüre zum Thema Kommunikation in der Ehe (mehr hier).

Seit 2002 hat sich die Zahl der Alleinlebenden in der Türkei nahezu verdoppelt (mehr hier).

Mehr zum Thema:

„Unüberbrückbare Differenzen“: Immer mehr Türken lassen sich scheiden
Türkei: Zahl der Eheschließungen geht zurück
Türkische Frauen: Für 20 Prozent ist Gewalt kein Grund für eine Scheidung!

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.