Werben um Auslandstürken – Erdoğan polarisiert bei Blitzvisite

Der türkische Staatspräsident Erdoğan spaltet die Gemüter - seine verdeckte Wahlkampftour nach Karlsruhe löst bei seinen Anhängern frenetischen Jubel aus. Seine Gegner vor der Tür bringt er zur Weißglut.

Draußen Transparente und Pfiffe, drinnen Jubel und ein Meer von türkischen Fahnen für den Präsidenten. Mehr als 14 000 Auslandstürken aus ganz Deutschland und angrenzenden Nachbarländern sind am Sonntag nach Karlsruhe gekommen, um Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zu erleben.

Seine in Türkei-Fahnen gehüllten Anhänger hatten sich schon frühmorgens mit der ganzen Familie auf den Weg gemacht und lange Staus sowie noch längere Wartezeiten beim Einlass in Kauf genommen. Doch sie waren nicht die einzigen, die früh aufgestanden waren. Mehrere tausend Demonstranten – Aleviten, PKK-Anhänger und andere Oppositionelle – empfingen die Anhänger Erdoğans und später auch den Präsidenten mit Pfiffen, Buhrufen und wenig schmeichelhaften Transparenten.

Die lange geheim gehaltene Erdoğan-Blitzvisite nur wenige Wochen vor der türkischen Parlamentswahl am 7. Juni offenbarte die aufgeheizte Atmosphäre zwischen Türken im Ausland. Die Opposition wirft Erdoğan vor, Wahlkampf für die islamisch-konservative Regierungspartei AKP zu betreiben, was er als Präsident nicht darf. Der 61-Jährige selbst betonte hingegen in seiner umjubelten Rede: Er komme, um den im Ausland lebenden Türken den Rücken zu stärken.

Das kam an. «Wir fühlen uns wieder dazugehörig», sagte ein aus Heidenheim mit seinem Sohn angereister Erdoğan-Fan. Unter den Vorgängerregierungen hätten sich die Auslandstürken nicht so gut aufgehoben gefühlt. «Wir sehen, dass alles wieder vorwärts geht – und dass wir eines Tages zurückkehren können.»

Eine junge Frau aus Stuttgart meinte: «Erdoğan ist super. Er schafft Gerechtigkeit: Frauen dürfen an Schulen wieder Kopftuch tragen.» So, wie viele der Besucherinnen in der dm-Arena – und auch Präsidentengattin Emine Erdogan, die ihren Mann nach Karlsruhe begleitet hatte.

Draußen lieferten sich – durch eine Straße und ein großes Polizeiaufgebot getrennt – Erdoğan-Gegner und dessen Anhänger lautstarke Sprechduelle. Es kam sogar zu einer Prügelei mit Verletzten.

Erdoğan selbst brachte indessen mit einer emotionalen, immer wieder durch Jubel unterbrochenen Rede die Masse zum Toben. Vor einem riesigen roten Plakat mit seinem Konterfei in Manier des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk präsentierte er sich als Mann des Volkes. Er machte ausdrücklich «keine Versprechen» – zählte aber ausführlich die Verdienste seiner Regierung auf: von der Sanierung der Autobahnen über eine bessere Krankenversorgung bis hin zur Stärkung der Wahlrechte für Auslandstürken.

Wahlkampf? «Er ist nur hier, um seinem Volk zu demonstrieren: Ich gehöre zu Euch», meinte ein Zuhörer. Tatsächlich erwähnte Erdogan nie seine Partei AKP. Er warb lediglich intensiv für eine «neue Türkei» mit einem Präsidialsystem, bei der das Volk direkt den Präsidenten wählen könne. «Jeder denkt, dass ich mich profilieren möchte», meinte er. Tatsächlich wolle er der kommenden Generation ein stabiles System hinterlassen. Dafür müssten sich die Auslandstürken an der Wahl beteiligen.

Schließlich könnten die das Zünglein an der Waage sein: Die Türken mit Wohnsitz außerhalb der Türkei stellen bei der Parlamentswahl am 7. Juni rund 5 Prozent der 56,6 Millionen Wahlberechtigten.

Schon jetzt ist Erdoğan der mit Abstand mächtigste Politiker der Türkei. Seine Gegner befürchten, das Land könnte sich nach Einführung eines Präsidialsystems zur Erdoğan-Diktatur entwickeln. Trotz aller Begeisterung im Saal – die Gegner, die draußen vor der Tür bleiben mussten, hat er nicht überzeugen können: «Wir sagen ‚Nein‘ zu Erdogan», hieß es auf einem der vielen Transparente.

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