Nährboden des Terrors: Kinder aus den Almajiri-Koranschulen in Nigeria sind leichte Beute

Neun Millionen Jungen werden in Norden Nigerias an Koranschulen ausgebildet. Weit weg von ihren Eltern müssen sie betteln, um zu überleben. Für Terrorgruppen sind die Kinder leicht manipulierbarer Nachwuchs.

Den Tag verbringen die Kinder abwechselnd mit betteln und beten. (Foto: Flickr/ grass head by Jeff Attaway CC BY 2.0)

Den Tag verbringen die Kinder abwechselnd mit betteln und beten. (Foto: Flickr/ grass head by Jeff Attaway CC BY 2.0)

Eine Gruppe armselig gekleideter Jungen sitzt in der nordnigerianischen Stadt Kano vor einer Koranschule auf dem dreckigen Bürgersteig. Gleich daneben verläuft ein Abwasserkanal. Die Haut vieler Kinder ist voller Wunden. Mit wiegenden Oberkörpern rezitieren die Almajiri-Schüler den Koran.

Die religiöse Ausbildung ist im überwiegend muslimlich geprägten Norden Nigerias hoch angesehen. Die Regierung schätzt die Zahl der Almajiri-Koranschüler in der Region auf etwa neun Millionen. Das Wort Almajiri stammt aus dem Arabischen und bedeutet «Einwanderer». Doch die Jungen werden meist ausgebeutet und leben in völliger Armut.

Einige von ihnen sind erst vier Jahre alt, so die dpa. Sie müssen betteln oder für wenig Geld niedere Arbeiten verrichten. Die Almosen müssen sie mit den Lehrern teilen. Meist leben die Kinder weit entfernt von ihren Familien, die sie nur etwa einmal im Jahr sehen. Das mache es kriminellen und Terrorgruppen leicht, die indoktrinierten Kinder anzuwerben, warnen Experten.

«Darüber besteht kein Zweifel», sagt der Menschenrechtler Shehu Sani, der im April im nördlichen Bundesstaat Kaduna zum Senator gewählt wurde. «Boko Haram rekrutiert Almajiris für den Aufstand». Viele Anführer der Terrorgruppe seien selbst Almajiris gewesen, sagt Sani. Er gilt als Boko-Haram-Experte und half schon dem scheidenden nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan bei Verhandlungen mit der Terrorgruppe. «Viele der Geistlichen, die an Almajiri-Schulen unterrichten, sind Extremisten», sagt Sani. Sie hätten großen Einfluss auf die Kinder.

Der zwölf Jahre alte Surajo Sagir kam vor fünf Jahren an die Koranschule in Kano. Die Eltern des mageren Jungen leben etwa 150 Kilometer entfernt in der Stadt Zaira. Jeden Morgen steht Surajo um fünf Uhr morgens auf, um zu beten. Anschließend lernt er, den Koran auf Arabisch zu rezitieren – in einer Sprache, die er nicht versteht. Es ist das einzige Unterrichtsfach an den Schulen, lesen und schreiben lernen die Almajiris nicht.

«Wenn wir uns schlecht benehmen, schlagen uns die Lehrer mit einer Sisal-Peitsche», sagt Surajo schüchtern. Den Tag verbringt er abwechselnd mit betteln und beten. Um zehn Uhr abends ist Schlafenszeit. Das zwölf Quadratmeter große Zimmer teilt er mit 15 anderen Jungen. Der Raum hat ein kleines Fenster, das sich nicht öffnen lässt. Der Boden ist eine schmutzige Mischung aus Sand und Zement. Es ist eng wie in einer Sardinenbüchse.

An den meisten Koranschulen gibt es nur eine Toilette für mindestens 100 Kinder und kein sauberes fließend Wasser. Der Besitz eines Almajiris passt in eine Plastiktüte: Ersatzkleidung, ein Plastikbecher und eine Schale für erbettelte Nahrungsmittel. «Betteln ist hart», sagt Surajo. Es sei nicht immer einfach, an Essen zu kommen. «Meistens bin ich hungrig», sagt er. Am Abend ist Surajo immer müde und seine Füße tun ihm weh. Dann vermisst er seine Eltern, die er in den vergangenen fünf Jahren nur dreimal gesehen hat.

Die Koranschüler sind auf sich allein gestellt. «Doch dafür sind sie viel zu jung», klagt Baraka Bashir, eine Mitarbeiterin der Almajiri-Stiftung in Kano. Die Wohltätigkeitsorganisation versorgt die Kinder mit Essen, Kleidung und Seife. Viele von ihnen seien unglücklich, liefen davon und lebten auf der Straße, sagt Bashir. Die Geistlichen der Schulen hingegen verteidigen das System. «Es ist ein guter Weg aufzuwachsen», sagt der 55-jährige Lehrer Sumaila Mohammed, der selbst ein Almajiri war. Die Kinder lernten, unabhängig zu sein.

Sein Schüler Sabiu Musa ist seit zehn Jahren ein Almajiri. Er begann als Bettler, jetzt ist er 20 Jahre alt und lebt von Gelegenheitsarbeiten, mit denen er umgerechnet einen Euro pro Tag verdient. Etwa 20 Cent davon gingen an seinen Lehrer, sagt er. Die Ausbildung bereue er nicht. Doch nach seinem Abschluss, wenn er den ganzen Koran rezitieren könne, wolle er an eine normale Schule gehen, sagt Musa. «Heutzutage kann man ohne eine westliche Schulbildung nichts im Leben erreichen», sagt der junge Mann. «Ich möchte zur Gesellschaft dazugehören.»

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