Simon Wiesenthal Center: Neue Generation von „Nazi-Jägern“ wächst heran

Rick Eaton ist Extremismus-Experte am Simon Wiesenthal Center. Er war maßgeblich an der Ergreifung von mehreren SS-Kriegsverbrechern beteiligt. Nun beginnen auch Vorbereitungen auf die „Jagd“ nach jungen kriminellen Rechtsextremisten und ihren Helfern. Deutsch-Türken können sich in den USA ausbilden lassen, um künftige Morde in Deutschland zu verhindern.

Rabbi-Abraham-Cooper vom Simon Wiesenthal Center bei einem Vortrag über Online-Extremismus (Foto: Simon Wiesenthal Center).

Rabbi-Abraham-Cooper vom Simon Wiesenthal Center bei einem Vortrag über Online-Extremismus (Foto: Simon Wiesenthal Center).

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sind Extremismus-Experte beim Simon Wiesenthal Center? Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?

Rick Eaton: Ich bin durch Zufall zu diesem Beruf geraten. Das erste Drittel meines Lebens habe ich im Verlagswesen verbracht. Als die Arbeitslosigkeit um sich griff, habe ich mich nach neuen Perspektiven erkundigt. 1985 suchte das Simon Wiesenthal Center einen Mitarbeiter zur Erstellung einer Datenbank für wissenschaftliche Artikel. Ich hatte ohnehin journalistische Erfahrungen aus meiner Schul- und Studentenzeit. Das war eine willkommene Gelegenheit, zumal das SWC erst 1977 gegründet wurde. Im Laufe meiner Karriere ergaben sich weitere interne Gelegenheiten, da das SWC im Aufbau war. Ich begann investigative Aufgaben zu übernehmen. Ich begann mich schon vor der Internet-Ära mit Nazi-Publikationen zu beschäftigen und nahm dann an den internen Gruppen-Treffen teil.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wann begannen Ihre Untersuchungen in Deutschland?

Rick Eaton: Unsere Ermittlungen in Deutschland begannen mit dem Israeli Yaron Svoray, der die Neo-Nazi-Szene in Deutschland von ganz unten bis nach ganz oben infiltriert hatte. Yaron überzeugte diese Leute, dass er einen reichen Sponsor in den USA hätte. Ich leistete Überzeugungsarbeit in meinem Team und erhielt die Rolle des reichen rechtsradikalen US-Millionärs. Mein Spitzname war „Rick der Millionär“.

So wurde ich den Nazi-Ikonen Karl Krause, Meinolf Schönborn und Manfred Röder vorgestellt. Einer der Nazi-Kontaktleute in Deutschland war Roy Armstrong. Doch er hatte den Nachnamen seiner deutschen Ehefrau angenommen und heißt seitdem Roy Godenau. Er war ein ehemaliger US-Soldat. Roy organisierte den Kontakt zu Reinhard Kopps alias Juan Maler. Kopps schrieb Bücher in Argentinien und Godenau sollte diese illegal in Deutschland verbreiten. Also begab ich mich nach Bariloche in Argentinien.

Dort kam ich mit Kopps in Kontakt. Er erzählte mir alles über die Kollaboration des Vatikans mit Nazikriegsverbrechern im Rahmen der „Ratten-Linie“. Ich nahm alle Gespräche mit einem Tonband auf. Doch das wusste Kopps nicht. Die Aufnahmen gab ich Sam Donaldson vom Fernsehsender ABC, der das Ganze dann aufdeckte. ABC brachte Kopps öffentlich zum Reden und der Mann denunzierte seinen SS-Kumpanen Erich Priebke, den er als „großen Fisch“ bezeichnete (mehr hierhier).

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie wird man Extremismus-Experte oder Nazi-Jäger? Einige junge Menschen aus Deutschland könnten angesichts der Türken-Morde im Zuge der NSU-Affäre und der offensichtlichen Verwicklung von Sicherheitsbehörden daran interessiert sein.

Rick Eaton: Die traditionelle „Nazi-Jagd” ist eine Berufssparte, die langsam abklingt, weil die meisten Nazis eine „biologische Amnestie“ erhalten, also Aussterben. Folglich hat Efraim Zuroff mit der „Operation Last Chance“ begonnen. Leider gibt es noch viele Neo-Nazis und weiße Rassisten und andere Extremisten, die verfolgt werden müssen.

Die Frage, die Sie mir gestellt haben, bekommen wir von vielen jungen Menschen zu hören, die an unserer Arbeit teilhaben möchten. Es gibt keinen vorausbestimmten Weg. Ich kam ja selbst nur zufällig zu diesem Job. Aber ein geschichtswissenschaftlicher Hintergrund wäre zunächst hilfreich. Mein ehemaliger Assistent arbeitet heute beim FBI in Washington D.C. Während er an der Uni war, machte er ein Praktikum am Southern Poverty Law Center in Alabama, welches landesweit anerkannt ist für seine Bekämpfung von Extremismus in den USA. Danach machte er ein Praktikum am SWC.

Nach der Uni bekam er von uns eine Festanstellung. Viele junge Menschen sind interessiert an dieser Branche. Viele offene Stellen gibt es nicht. Doch Interessenten können sich in Kontakt mit der Anti-Defamation League, dem Southern Poverty Law Center, dem SWC oder mit einigen US-Unis, die solche Angebote haben, in Verbindung setzen. Auch Interessenten aus Deutschland können sich bewerben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie haben eine wichtige Rolle bei der Ergreifung der SS-Männer Reinhard Kops und Erich Priebke gespielt. Wie konnten diese Leute sich so lange in Sicherheit wähnen?

Rick Eaton: Das hatte viele Gründe. Der Hauptgrund war die Toleranz der Staaten Südamerikas gegenüber solchen Leuten. Sie wurden geschützt. Denn bis in die neunziger Jahre hatten wir entweder Militärdiktaturen oder de facto Diktaturen in Lateinamerika.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dürsteten Länder wie Argentinien, Chile und Paraguay nach „europäischem Einfallsreichtum“ und sie waren nicht sehr wählerisch. Die Argentinier spielten ein Doppelspiel während des Zweiten Weltkriegs. Einige Staatsbeamte mochten die Alliierten. Doch andere wiederum ergriffen Partei für die Achsenmächte, insbesondere Juan Peron.
In Argentinien gab es seit 1880 deutsche Gemeinden, so auch in Bariloche und in vielen anderen Ortschaften dieser Region.

Diese Orte waren ein natürlicher Anziehungspunkt für Deutsche. In der Nachkriegs-Ära organisierten Argentinien und Chile zusammen mit dem Vatikan die Flucht der Nazikriegsverbrecher von Europa nach Lateinamerika.

Eine Hauptrolle spielte der österreichische Bischof Alois Hudel. Er organisierte die Flucht mit Hilfe von südamerikanischen Sponsoren. Erst als die Diktaturen Lateinamerikas von Demokratien ersetzt wurden, fiel der Rundum-Schutz für diese Nazis weg. Bette Klarsfelds Verfolgungsjagd auf Klaus Barbie öffnete die Tore für diesen Prozess. Erschwerend kam hinzu, dass die deutschen Gemeinden in Lateinamerika schon immer verschlossen waren und sogar ihre eigenen Schulen haben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Hatten Kopps und Priebke Kontakte zu deutschen Diplomaten in Lateinamerika?

Rick Eaton: Kopps berichtete mir davon, dass der deutsche Botschafter in Chile die deutsche Gemeinde in Osorno besuchte und dort das Deutschlandlied sang. Das fand Anfang der achtziger Jahre statt. Was viele nicht wissen ist, dass ehemalige deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg Ruhegehälter vom deutschen Staat erhalten.

Anfang der neunziger Jahre flog ich nach Berlin, um Informationen über staatliche Zahlungen an Kops einzuholen. Doch die Behörden wollten die Informationen nicht herausgeben. Sie werden es wahrscheinlich auch im Jahr 2014 nicht tun. Dabei hatten wir damals die Zustimmung der deutschen Bundesregierung in Bonn.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Verbindungen gab es zwischen den beiden Ex-SS-Männern und deutschen Stiftungen oder Organisationen in Lateinamerika?

Rick Eaton: Kops hatte ein Netzwerk von Freunden in ganz Lateinamerika, denen er auch seine Bücher schickte. Er gab mir die Namensliste. Ich konnte leider nicht herausfinden, ob es eine Art Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen war (O.D.E.S.S.A). Ich machte einen Fehler und hätte zu diesem Zeitpunkt nach Chile gehen sollen, um auch die anderen ausfindig zu machen. Kops hatte direkte Kontakte und wollte ein Treffen organisieren. Doch ich konnte Argentinien aus bestimmten Gründen nicht verlassen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wieviele Nazis leben noch? Wo leben sie?

Rick Eaton: Es wäre sehr schön, eine Antwort darauf zu finden. Offiziellen Schätzungen zufolge gab es über 100.000 Nazi-Kriegsverbrecher. Doch nur zehn Prozent wurden von ihnen vor Gericht gebracht. Die meisten werden wohl verstorben sein. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Kommandant in der US-Armee und er starb vor sieben Jahren im Alter von 88 Jahren.

Deutsch Türkische Nachrichten: Antisemitische und antimuslimische Ansichten sind eine Realität unserer Gesellschaft. Doch was kann der Normalbürger gegen diese Ansichten tun?

Rick Eaton: Das ist wohl die schwierigste Frage. Wir glauben, dass Deutschland in den vergangenen Jahren im Bereich der Aufklärung gute Arbeit geleistet hat. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass die Nazi-Zeit erst Anfang der achtziger Jahre in den Schulbüchern ausgiebig thematisiert wurde. Das ist ein Generationen-Prozess. Die Erhaltung der Konzentrationslager und das Holocaust-Denkmal sind wichtig. Zu meiner Schulzeit wurde der Holocaust in den USA nicht geleugnet aber es war auch kein Teil des Schulunterrichts.

Extremismus wird immer ein Problem darstellen. Da haben Sie Recht. Sorgen bereiten mir neben Gewaltaktionen auch die Rhetorik. Damit meine ich das Verhältnis zwischen Wort- und Tatgewalt. Es fängt immer mit Worten an.

Ein Außenstehender würde sagen, dass bestimmte Dinge in Deutschland besser seien als vor zwanzig Jahren – nach dem Fall der Berliner Mauer. Doch wir haben unsere Untersuchungen seitdem aufgrund der landesweiten Aggressionen gegen türkische Migranten ausgebaut und erweitert.

Rick Eaton ist seit Jahrzehnten Extremismus-Experte am SWC in Los Angeles. Gründer und Leiter des SWC ist Rabbi Marvin Hier und sein Stellvertreter ist Rabbi Abraham Cooper.

Efraim Zuroff über seinen Job als „Nazi-Jäger“:

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