Fast-Food und Süßes: Deutschland wird immer dicker

Die deutschen Kliniken behandeln deutlich mehr fettleibige Patienten: Innerhalb von fünf Jahren haben sich die Fälle krankhaften Übergewichts verdoppelt. Verbraucherschützer kritisieren das Marketing ungesunder Produkte durch die Lebensmittelindustrie. Experten fordern mehr Sportunterricht und Aufklärung in Schulen: Jeder trägt die Verantwortung für seinen Körper.

Wegen der starken Zunahme krankhaften Übergewichts in Deutschland fordert ein Experte, mit der Prävention bereits in der Schule zu beginnen. Experte Thomas Hulisz, Leiter des Adipositas-Zentrums in Bochum, rät deshalb zu mindestens fünfmal die Woche Sport für Kinder. Auch das Thema Ernährung käme im Unterricht zu kurz, kritisierte Hulisz. „An Aufklärung und Bildung passiert noch zu wenig.“

Die Zahl der stationär behandelten Patienten mit der Diagnose Adipositas, also Fettleibigkeit, steigt bundesweit seit Jahren. So hat sie sich allein in Nordrhein-Westfalen innerhalb von fünf Jahren von rund 1800 (2008) auf 3600 (2013) verdoppelt, wie das Statistische Landesamt am Freitag in Düsseldorf mitteilte.

Im Vergleich zu den 80er und 90er Jahren ist der Anteil übergewichtiger Kinder um 50 Prozent gestiegen. Ein entscheidender Grund dafür ist das veränderte Lebensmittelangebot – jederzeit und überall sind stark kalorienhaltige, hochgradig verarbeitete Lebensmittel verfügbar und werden massiv beworben.

Ein Mensch gilt als fettleibig, wenn der Wert seines Body-Mass-Indexes (BMI) über 30 liegt. Adipositaspatienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes, Herzschwäche oder Fettleber. Eine ganzheitliche Behandlung durch Ärzte, Therapeuten und Psychologen dauert nach Angaben von Hulisz mindestens ein Jahr.

Der von der Bundesregierung vorgelegte Entwurf für ein „Präventionsgesetz“ sei ungeeignet für den Kampf gegen Krankheiten, die durch ungesunde Ernährung mitverursacht werden, teilt die Verbraucherorganisation foodwatch mit. Keine einzige Maßnahme im Gesetzentwurf adressiere die Mitverantwortung der Lebensmittelindustrie für die dramatische Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern.

Die Organisation will die Lebensmittelindustrie in die Verantwortung nehmen: Neben einer Marketingbeschränkung für unausgewogene Kinderprodukte müssten etwa auch verbindliche Standards für die Verpflegung in Schulen und Kindertagesstätten festgelegt sowie der Zucker- und Salzgehalt in verarbeiteten Lebensmitteln reduziert werden.

„Es ist eine Kapitulationserklärung vor den Gewinninteressen der Lebensmittelindustrie, dass im gesamten Gesetzestext mit keiner Silbe die Mitverantwortung der Branche für Übergewicht und Fehlernährung genannt wird“, kritisiert Oliver Huizinga, Experte für Kinderernährung bei foodwatch. Durch aggressives Marketing und ein großes Angebot an übersüßten und fettigen Produkten würden Kinder und Jugendliche zu einem unausgewogenen Ernährungsstil verführt. Enormen Gewinnen auf Seiten der Branche stünden enorme Kosten für das Gesundheitswesen gegenüber. „Genau hier müsste eine wirksame Präventionsstrategie ansetzen“, so Huizinga.

Die Prävention von Fehlernährung, Übergewicht und Adipositas solle als Zielvorgabe in den Gesetzentwurf aufgenommen werden. So dürften der Organisation zufolge unausgewogenes Junkfood, Süßigkeiten oder Softdrinks nicht länger gezielt als Kinderprodukte beworben und mit Comicfiguren, Spielzeugbeigaben oder Gewinnspielen an Kinder vermarktet werden. Vorbild dafür soll ein kürzlich vorgestelltes Modell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sein, wonach nur noch bestimmte, ausgewogene Lebensmittel an Kinder vermarktet werden dürfen.

„Kein einziger Staat hat es geschafft, die Adipositas-Epidemie in allen Altersgruppen zu stoppen“, sagte WHO-Chefin Margaret Chan bereits vor zwei Jahren. „Hier mangelt es nicht an individueller Willenskraft. Hier mangelt es am politischen Willen, sich mit einer großen Industrie anzulegen.“ Die Lebensmittelwirtschaft prägt junge Konsumenten durch gezieltes Marketing für jene Produkte, die die größte Profitabilität versprechen: Süßwaren, Softdrinks und unausgewogene Snacks.

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