Wahlkampf auf Türkisch: Hubschrauber, Tänze und Fanschals

Der Ministerpräsident schwebt mit dem Helikopter ein, der kurdische Kandidat schwingt sich auf das Dach des Wahlkampfbusses. Auch Staatspräsident Erdoğan - obwohl zur Neutralität verpflichtet - ist vor der Parlamentswahl in der Türkei ständig präsent.

Der Hubschrauber kreist über der Menge in Istanbul. Zehntausende recken ihre Köpfe gen Himmel. Sie wedeln weiße Fahne mit einer orangenen Glühbirne – das Zeichen der islamisch-konservativen AKP. Dann jubeln sie: Das Bild des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu erscheint auf der Leinwand. Er winkt aus dem Inneren des Hubschraubers.

Den pompös inszenierten Auftritt hat sich Davutoğlu scheinbar bei seinem Vorgänger, dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, abgeguckt. Auch Erdoğan ließ sich im März 2014 mit einem Hubschrauber zu einer Wahlkampfveranstaltung einfliegen. Damals war er noch Ministerpräsident. Nun, kurz vor der Parlamentswahl am 7. Juni, eifert der blass gebliebene Regierungschef Erdoğan nach.

Die AKP strebt eine Zweidrittelmehrheit an, um die Verfassung zu ändern und ein Präsidialsystem einzuführen. Doch laut Umfragen könnte die AKP schlechter abschneiden als bei der Parlamentswahl 2011 (49 Prozent) – und möglicherweise sogar die absolute Mehrheit verlieren. Eine kleine Oppositionspartei, die pro-kurdische HDP, ist das Zünglein an der Waage. Schafft sie die Zehnprozenthürde, ist eine Zweidrittelmehrheit für die AKP so gut wie ausgeschlossen.

Erdoğan selbst darf laut Verfassung nicht für die AKP werben – greift aber bei jeder Gelegenheit die Opposition an. Am 30. Mai will er sogar gemeinsam mit Davutoğlu in Istanbul auftreten. Was die Opposition als Verfassungsbruch wertet, finden die AKP-Wähler völlig normal. «Er hat die Partei doch mit gegründet, es ist seine Partei», sagt eine 72-jährige Anhängerin. «Wir lieben ihn. Er ist unabhängig und behandelt alle gleich.» Während die anderen Parteien redeten, handele die AKP. «Sie haben Brücken gebaut, Tunnel und Flughäfen.»

Auf der Wahlkampfveranstaltung verkaufen fliegende Händler neben Davutoğlu-Stirnbändern Schals mit der Aufschrift «Recep Tayyip Erdoğan». Auch die AKP selbst nimmt es nicht so genau mit der Unparteilichkeit des Staatspräsidenten. Erdoğans Bild ist auf einer riesigen Flagge abgebildet, flankiert von dem Foto Davutoğlus und dem Konterfei des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk.

Der 42-jährige Durmus sagt, Erdoğan sei eher der Mann fürs Herz, Davutoglu ein «großer Akademiker». Das Präsidialsystem unterstütze er restlos, denn so könnten schneller Entscheidungen getroffen werden. Die 18-jährige Studentin Sevcan Sarinc rechnet der AKP hoch an, dass sie das Kopftuchverbot gekippt hat. «Sie haben das Kopftuch legalisiert. Früher durften wir es nicht an Universitäten tragen.» Die AKP-Anhänger bei der Wahlveranstaltung glauben fest an den Sieg ihrer Partei. Ebenso fest sind die HDP-Wähler davon überzeugt, dass ihre Partei die Zehnprozenthürde überwindet.

Im konservativen Istanbuler Stadtteil Aksaray steht der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, auf dem Dach eines Wahlkampfbusses und spricht vor einem Fahnenmeer. Einige der etwa tausend Anhänger haben sich Bänder in den Farben der Kurden – rot, weiß, grün – um die Stirn gebunden. Andere sitzen auf den Dächern umliegender Häuser, um besser sehen zu können. Eine Gruppe tanzt Halay, einen traditionellen Tanz. Es riecht nach gebratenem Fleisch.

Viele Kurden, die früher AKP wählten, würden diesmal zur HDP überlaufen, glaubt der 32-jährige Tahir Ürek. «Die AKP hat die Kurden in den vergangenen Jahren mit Religion überzeugen können und mit dem Friedensprozess. Aber das funktioniert nicht mehr.» Er wirft der Regierung vor, den Friedensprozess mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gestoppt zu haben. «Wir alle hier sind gegen das Präsidialsystem», sagt er und zeigt auf die Umstehenden.

«Ich wähle die HDP, weil sie auf der Seite des Volkes ist», sagt die 38-jährige Muazzez. Nur die HDP akzeptiere wirkliche Vielfalt und setze sich für Frauen und Minderheiten ein. Für die Kurden wäre es eine Katastrophe, würde die HDP an der Zehnprozenthürde scheitern. «Dann würde uns niemand mehr in der türkischen Politik vertreten.»

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