Kommentar zur Homo-Ehe: «Niederlage für die Menschheit» oder Eigentor für den Vatikan?

Der Papst will in der Kirche eine offene Diskussion über Themen wie Homosexualität. Die Kritik seines Staatssekretärs an der Homo-Ehe zeigt aber einmal mehr, dass auch Franziskus wohl keine Kirchenrevolution bringen wird.

Mit der Öffnung des Vatikans ist es offenbar nicht allzu weit her. (Foto: Flickr/ Vatican City by Carlo Mirante CC BY 2.0)

Mit der Öffnung des Vatikans ist es offenbar nicht allzu weit her. (Foto: Flickr/ Vatican City by Carlo Mirante CC BY 2.0)

Drei Tage hat es gedauert, bis der Vatikan seine Meinung zum Ja der Iren zur Ehe für Schwule und Lesben kundtat. Die Kritik saß dafür umso mehr – und sie ist eine Ohrfeige für alle, die auf eine Öffnung der Kirche im Umgang mit Homosexuellen hoffen. Als «Niederlage für die Menschheit» bezeichnete Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin die Entscheidung der traditionell katholischen Iren. Dass die katholische Kirche gegen die Homo-Ehe ist, ist nicht neu. Aber die Wortwahl des Kardinals, immerhin nach dem Papst der stärkste Mann des Kirchenstaates, kommt auch bei vielen Gläubigen nicht gut an.

«Homosexualität ist in der katholischen Kirche eine viel zu lange verdrängte und zum Teil kriminalisierte Realität, ebenso sexuelle Lust überhaupt», beklagte die Sprecherin der Kirchen-Reformbewegung «Wir sind Kirche», Sigrid Grabmeier. «Verbunden ist das mit der Vorstellung, dass Ehe und Familie sich hauptsächlich über die Fortpflanzung definieren. Da ist jetzt ein sorgsam gepflegtes Gedankengebäude vom Einsturz bedroht, aber nicht die ganze Menschheit.»

Auch im Netz entlud sich Empörung. «Priester, die Kinder missbrauchen, sind eine Niederlage für die Menschheit», schrieb ein Nutzer auf der katholischen Webseite «cruxnow.com». «Entschuldigung, aber kann mir einer erklären, wie die Homo-Ehe die „normale“ Familie zerstören kann», fragte ein anderer auf der Seite der konservativen italienischen Zeitung «Corriere della Sera». Parolin bezog sich in seiner Kritik an der irischen Entscheidung darauf, dass die Familie der wichtigste Grundstein der Gesellschaft sei und dass alles dafür getan werden müsse, dies zu verteidigen.

Der Argumentation liegt die traditionelle Auffassung der katholischen Kirche zugrunde, dass die Ehe aus Mann und Frau besteht. Eine Familie sind Vater, Mutter, Kind – und basta. Daran wird nicht gerüttelt, auch wenn viele Gläubige hoffen, dass sich die Kirche mit Papst Franziskus in Fragen der Sexualität und Familienangelegenheiten öffnen wird.

Immerhin hat der Pontifex das Thema Familie auf die Agenda gesetzt. Nicht nur spricht er jeden Mittwoch bei der Generalaudienz über Kinder, Mütter, Väter oder Großeltern, Partnerschaft oder Erziehung. Bei der Bischofssynode im kommenden Oktober stehen heiße Eisen wie der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder mehr Akzeptanz für Homosexuelle auf dem Programm. Franziskus will eine offene Diskussion. Aber weitreichende Entscheidungen, die Doktrin und Lehre der Kirche infrage stellen, erwarten Insider nicht von dem großen Bischofstreffen.

Die Hoffnung, der Papst schlage im Bezug auf Homosexuelle mildere Töne an, speiste sich vor allem aus einem aufsehenerregenden Zitat aus dem Jahr 2013: «Wenn jemand schwul ist und er den Herrn sucht und guten Willen zeigt, wer bin ich, das zu verurteilen», sagte der Argentinier damals.

Doch für den Papst, so offen er sich auch nach außen gibt, ist die Unauflöslichkeit der Ehe genauso gesetzt wie das Nein zu Ehe von Homosexuellen. In seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires hatte er (vergebens) gegen eine Legalisierung der Homo-Ehe in seinem Heimatland gekämpft.

In Ländern wie Deutschland ist der Ruf nach einer Gleichstellung von Schwulen und Lesben nicht zu überhören. Deutsche Bischöfe positionieren sich zwar klar gegen die Homo-Ehe, die progressiveren unter ihnen werben jedoch für Toleranz gegenüber Homosexuellen. Aber die Weltkirche ist nicht nur Deutschland und Europa. Bei vielen Kirchenvertretern in anderen Erdteilen wie Afrika ist mehr Toleranz kein Thema, in etlichen Ländern werden Homosexuelle – mit dem Segen von katholischen Würdenträgern – sogar verfolgt. Im Oktober sind viele konservative Bischöfe aus diesen Ländern in Rom dabei.

Eine Revolution dürfe man von der Synode nicht erwarten, warnen hochrangige Kirchenmänner bereits. Hinter den Kulissen wird eifrig darüber nachgedacht, wie die Erwartungen etwas tiefer gehängt werden könnten, so die dpa. Für Papst Franziskus wird es so oder so ein entscheidender Gradmesser sein: Bleibt die katholische Kirche bei dieser Synode genauso nebulös wie bei der im vergangenen Jahr, wird die Kritik an ihm lauter. Denn viele halten ihn schon jetzt für einen, der viel spricht, aber wenig umsetzt.

Dass es mit der Öffnung nicht allzu weit her ist, zeigt auch der Fall des schwulen Diplomaten Laurent Stefanini, den die französische Regierung schon im Januar als Botschafter für den Vatikan ernannt hatte. Akzeptiert wurde diese Ernennung vom Vatikan bisher nicht. Parolin sprach nun zwar von einem Dialog, der «immer noch offen» sei. Auf die Akkreditierung wartet Stefanini aber weiter.

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