Experte: «Gruppen wie der IS wissen mehr über uns, als wir über sie»

Islamisten erzeugen mit emotionsgeladenen und blutrünstigen Videoclips Hass. Das Internet ist ihr wichtigstes Propagandamittel geworden. Verfassungsschutz und Experten suchen nach Lösungen.

Reise in den Dschihad: Dahinter steht häufig Orientierungslosigkeit und Sinnsuche. Der IS verspricht eine Aufgabe und einen strukturierten Alltag. (Foto: Flickr/ Free Daddy and His Little Shadow Girls at The Skate Park Creative Commons by Pink Sherbet Photography CC BY 2.0)

Reise in den Dschihad: Dahinter steht häufig Orientierungslosigkeit und Sinnsuche. Der IS verspricht eine Aufgabe und einen strukturierten Alltag. (Foto: Flickr/ Free Daddy and His Little Shadow Girls at The Skate Park Creative Commons by Pink Sherbet Photography CC BY 2.0)

Die Bekämpfung des islamistischen Terrors erfordert aus Sicht des Politologen Asiem El Difraoui eine deutlich stärkere Kooperation von Behörden und Organisationen. Vor allem dschihadistischen Rekrutierungsversuchen im Internet werde viel zu wenig Material entgegengesetzt, sagte der Experte in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag in Potsdam. Er erarbeitet derzeit im Auftrag der französischen Regierung ein Programm zur Prävention und Deradikalisierung.

Frage: Extremisten nutzen das Netz, um Anhänger zu rekrutieren. Was sind die auffälligsten Entwicklungen?

Antwort: Die Dschihadisten haben in ihrem «Cyber-Dschihad» ihre Aktivitäten auf das Web 2.0 ausgeweitet. Facebook, Youtube und Twitter sind zu wichtigen Propagandaträgern geworden. Die rasante, offene, direkte und globale Kommunikation auf verschiedenen Kanälen und die emotionsgeladenen, multimedialen Inhalte erzeugen bei den Nutzern das Gefühl, Teil einer internationalen Gemeinschaft oder auch einer dschihadistischen Anti-Kultur zu sein.

Durch das Wegfallen von Sprachbarrieren wurde der Wirkungskreis der Propaganda stark erweitert. Jugendliche können sich einfacher als je zuvor mit den Dschihadisten als Vorbildern identifizieren. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, sich dschihadistischen Organisationen anzuschließen. Mittlerweile verlagern sich die Dschihadisten auf wenig bekannte Social Network Tools, die kaum beobachtet werden.

Frage: Warum reagieren manche junge Menschen darauf?

Antwort: Die dschihadistischen Rekrutierer sprechen den deutschen Jugendslang und kennen die Probleme ihres Zielpublikums und ihr Herkunftsmilieu sehr genau. Sie sind mit den Jugend(sub)kulturen westlicher Gesellschaften vertraut und übernehmen gezielt Elemente beispielsweise aus der Popkultur, mit der sie ihre dschihadistischen Narrative anreichern. Gruppen wie der IS wissen mehr über uns, als wir über sie wissen. So finden sie leicht und effektiv Zugang zu verwundbaren Jugendlichen. Diese Narrative wirken gepaart mit der Inszenierung eines heroischen Machismo und eines vorgegaukelten Heilversprechens attraktiv auf bestimmte, verunsicherte junge Menschen, oftmals Männer, aber zunehmend auch Frauen.

Frage: Wie groß schätzen Sie die Gefahr für Deutschland ein?

Antwort: Die Antikultur des Dschihad findet sich heute überall in Europa und hat zumeist ähnliche, jedoch vielschichtige Ursachen. Die Sinnsuche Jugendlicher, psychologische und sozio-ökonomische und gesellschaftliche Faktoren spielen eine Rolle – oftmals mehr als die unterschiedliche Herkunft der Muslime oder der geschichtliche Kontext, etwa die koloniale Vergangenheit Frankreichs. Über die Gewichtung der unterschiedlichen Radikalisierungsfaktoren gibt es leider keine empirischen Studien. Wir werden noch viel tun müssen vor allem im Bereich der Prävention und Deradikalisierung, um eine weitere Ausbreitung des Dschihadismus zu verhindern. Dies kann gelingen.
ZUR PERSON: Der ägyptisch-deutsche Politologe Dr. Asiem El Difraoui (50) forscht seit langen zum Themenbereich Dschihadismus.

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